Mittwoch, 12. November 2014

Lesen mit Frau Schmitt



(M)eine Art Buchbesprechung

»Als wir klein waren, haben wir dauernd gewunken. Für Fotos oder der Oma oder einfach so. Nachdem wir erstmal kapiert hatten wie es geht, haben wir es dauernd ausprobiert, auch bei fremden Leuten im Supermarkt. Wir wollten Beachtung und Zuwendung und mit dem Winken bekamen wir das sofort. Jetzt sind wir erwachsen und wollen immer noch Beachtung und Zuwendung, aber wir winken deswegen nicht mehr.«

Auch so ein schöner Absatz, den Heidi Schmitt in ihr Buch hineingeschrieben hat.

***

Mit dem Interessieren ist es ja so eine Sache: ich zum Beispiel interessiere mich für alles Mögliche. Bei manchen Dingen denke ich möglicherweise auch nur, dass sie mich interessieren, oder ich finde, dass sie mich gefälligst interessieren sollten. Oft bleibt das Interesse folgenlos, weil es dann doch irgendwie mühsam ist, sich ausführlich zu interessieren.
Laufen, zumal sportlich motiviert, zählt nicht zu meinen natürlichen Interessen. Gehen - ja. Laufen - nein. Meine Sportart ist das Schwimmen, ohne Zweifel.

Neulich aber habe ich einen ausgiebigen Nachmittag lang Heidi Schmitt fotografiert. Und die läuft in ihrer Freizeit. Beruflich schreibt sie Texte. Weil sie beides gerne tut, schreibt sie obendrein Texte übers Laufen. 2012 hat sie einige dieser Texte in ihrem ersten Buch veröffentlicht: Jubiläumsbecher in der Busspur.

Nachdem ich meinen Tag mit Heidi Schmitt in Frankfurt geteilt hatte, bin ich mit reichlich vielen Fotos wieder zurück nach Köln gefahren. Dort habe ich mir umgehend ihr Buch auf meinen Reader geladen.
Mein Interesse war geweckt. Weniger fürs Laufen, als für Frau Schmitt. Natürlich hätte es nun mühsam enden können. Dann hätte ich mich durch die Seiten gequält und viel zu spät zwischen höflichem und echtem Interesse unterschieden. Und ich hätte gehofft, dass Heidi Schmitt mich niemals fragt, wie mir ihr Buch gefällt.
Mühsam war allerdings nur eines: mir das Buch gut einzuteilen. Auf dass es nicht so schnell zu Ende sei.

Erfreulicherweise hat Heidi Schmitt soeben Buch Nummer zwei vollendet: Komm wir laufen aus. Als Spätlesende musste ich zum Glück also nicht lange auf das nächste Buch warten.
Und wieder ist es mühsam. „67% schon weggelesen“, droht mir mein Reader. Ich überlege die Schriftgröße zu ändern, um die Zahl zu meinen Gunsten kleinzurechnen. Das ist natürlich Unfug, aber so geht es nun mal zu in meinem Kopf.


Frau Schmitt hat natürlich auch selbst etwas über ihr zweites Buch geschrieben.

Heidi Schmitt schreibt Geschichten übers Laufen. Treffender müsste es eigentlich heißen, Heidi Schmitt schreibt ihre persönlichen Geschichten über ihr persönliches Laufen. Denn genau das macht die Sache interessant. Undramatisch wie das Leben kommen manche Geschichten daher, aber präzise beobachtet und feingliedig niedergeschrieben. Sogar als lesende Nichtläuferin fühle ich mich mitunter ertappt gesehen, weil soviel menschliches beschrieben wird.

Eine große Portion feinen Spott gönnt sich Frau Schmitt. Dafür Applaus, Applaus, Applaus!
Mal ist es der ironische Blick auf sich selbst oder das eigene Tun, mal stehen die Mitläufer in der Ziellinie. Frau Schmitt nimmt nämlich gern und häufig an Volksläufen teil. Der Volkslauf - das weiß ich nun -  fügt unser aller vermeintlicher Realität ein weiteres Paralleluniversum hinzu. Die Bewohner dieses Universums - wie die jedes anderen Universums auch - muten ihren Mitmenschen sich selbst und ihre Angewohnheiten mehr oder weniger raumgreifend zu.
In dieser eigenwilligen Volkslauf-Umgebung, die frei gewählt und liebgewonnen ist, nutzt Heidi Schmitt den Spott, um etwas vom solcherart ergriffenen Raum zurückzuerobern.
Das macht sie auf famose Weise.

Frau Schmitt schreibt über scheinbare Kleinigkeiten; über das Winken, Brötchengruppen, mürrische Rücken, Inselbegabungen, Regen, Schlaf, Streuselkuchen und - jawohl - über Diskriminierung. Die eigene nämlich.
Sie liefert einen Produkttest, den sie in einer Zukunft unternommen hat, aus der sie sich auch gleich ein paar neue Wörter mitgebracht hat.
Und sie wirft einen ausführlichen Blick zurück in die finstere Zeit bitteren Laufequipment-Mangels: „...als Läufer noch nicht einmal eine Stirnlampe hatten.“
Einfach schön. Auch für Schwimmer. Und gänzlich frei von (ernstgemeinten) Lauf-Ratschlägen.
Danke, Frau Schmitt!


Übrigens:
*Frau Schmitt hat einen Blog: „Laufen mit Frau Schmitt“. Dort erfährt man allerlei über Heidi Schmitts Leidenschaft.
*Natürlich auch über das neue Buch.
*Eine interessante Alternative zum Online-Giganten habe ich ebenfalls über Frau Schmitt kennengelernt: Buch7 , der Buchhandel mit der sozialen Seite
*Bloggen ist ja auch irgendwie wie winken.

Montag, 10. November 2014

Aus dem Leben genommen



Vor einer Woche, am Dia de los Muertos - dem mexikanischen Tag der Toten - ist eine friedliche Prozession durch Köln-Ehrenfeld gezogen und zufällig bin ich in sie hineingeraten. Eine bunt gemischte Gruppe war da leise, aber präsent auf dem Weg: Frauen mit traditionell geschminkten Gesichtern, Musiker, Mexikaner, Deutsche. Manche in kleinen Gruppen, manche für sich allein.

Ich stehe eine Weile am Straßenrand und sehe zu, wie der Zug vorüberzieht.  Etwas lässt mich beirrt und berührt innehalten: viele Menschen im Zug halten Blätter in die Höhe. Darauf zu sehen sind schwarz-weiss Fotos junger Männer und natürlich handelt es sich um Fotos der 43 vermissten Studenten aus Mexiko. Ich frage mich, ob inzwischen klar ist, dass sie nicht mehr am Leben sind - dies ist doch der Tag, der den Toten gewidmet ist.

Gretell ist Mexikanerin und lebt in  Deutschland. Sie ist Elektroanlageningenieurin in der Automobilbranche. „Lebend habt ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück!“ übersetzt sie die Forderung, die den Fotos beigefügt ist.
Ob die Studenten sich nicht möglicherweise verloren gegeben fühlen, wenn ihre Fotos am Dias de los Muertes durch die Strassen getragen werden, frage ich. „Nein, “ sagt sie bestimmt. Gretell glaubt, dass die Studenten noch am Leben sind. „Viele glauben das.“
Gretell erklärt mir, dass der Tod in Mexiko eine andere Bedeutung hat als in Deutschland. Natürlich trauere man um Verstorbene, trotzdem sei der Tod an sich nichts Schlimmes. „Aber Mord ist schlimm!“ sagt sie.

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Freitag, 17. Oktober 2014

Radebrechen in Tophane



Wenn Mehmet Ali sich auf seinem Hocker ein wenig nach vorne beugt, dann kann er das Haus sehen, in dem er zur Welt gekommen ist. Der Hocker steht in der hinteren Ecke seines kleinen Obst- und Gemüseladens, sein Geburtshaus befindet sich schräg gegenüber. Es ist ein mehrgeschossiges Wohnhaus, mit Giebeln und Erkern. Groß, stolz und doch wie nebenbei steht es da, im Herzen von Tophane - bestimmt schon 100 Jahre lang.

Seit 50 Jahren verkauft Mehmet Ali in dem kleinen Eckgeschäft Obst und Gemüse. Eigentlich ist es gar kein richtiger Laden - mit eigenen Wänden und einer Tür. Es ist eher eine Art Kiosk, oder ein etwas komfortablerer Stand. Es war eben noch eine Ecke frei in dem zusammengewürfelten Häuserblock, und irgendjemand hatte die Idee, dort einen Verkaufsraum hinzubauen. Vielleicht war es Mehmet Ali selbst. Ich kann ihn leider nicht fragen, denn wieder mal sitze ich in Istanbul bei einem Menschen, dessen Sprache ich nicht spreche. Wir verständigen uns also in Zeichensprache, ich male auch schon mal was auf ein Stück Papier, und Mehmet Ali versucht es mit der Wiederholungstaktik. Bestimmte Sätze sagt er einfach mehrfach hintereinander, in gebührender Lautstärke. Hin und wieder legt er seine Hand auf meinen Arm, als könne er so seine Fähigkeit türkisch zu sprechen auf mich übertragen.
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Sonntag, 12. Oktober 2014

Viel Freundlichkeit


Abendliches In-den-Bosporus-springen in Üsküdar

„Wie ist es denn in Istanbul?“ wurde ich neulich von jemandem gefragt, der noch nie dort war. „Viel Freundlichkeit“ lautete meine Antwort, die mir ohne langes Überlegen aus dem Mund gefallen ist. Das mag sich als Dialog holprig lesen, stimmt aber.
Ganz ohne Formalitäten hat offenbar eine Art verbaler Autopilot die Antwort meinem inneren Empfindungsschrank entnommen und ausgegeben, so dass ich selbst überrascht war, sie zu hören.
Istanbul zu beschreiben ist nämlich gar nicht so leicht. Je länger ich überlege, desto unmöglicher erscheint mir ein Versuch. So viel wäre zu erwähnen und zu berichten und beinahe alles was Istanbul auszumachen scheint, wäre um einen jeweiligen Gegensatz zu ergänzen, der ebenso wahr und spürbar ist.
Und: gerade drei Mal habe ich diese Stadt inzwischen besucht. Wie gut also kenne ich Istanbul überhaupt, muss ich mich fragen.


Blick von der Galata-Brücke Richtung Goldenes Horn

Viel Freundlichkeit - mit dieser Aussage an der Hand gehe ich nun immer wieder mal forschend auf Istanbul-Erinnerungs-Reise. Konkrete Erlebnisse fallen mir ein: Menschen, die mir geholfen haben, zahllose Gesten der Höflichkeit, oder wie ich bei meiner ersten Reise nach Istanbul während des Ramadan einen Trupp Bauarbeiter beim abendlichen Fasten-Brechen fotografiert habe und direkt von Ihnen zum Essen eingeladen wurde.
Aber auch vage Erinnerungen an Streifzüge durch fremdartige Stadtteile, an Nachmittage auf der Fähre oder einen Abend am Bosporus trage ich in mir. Viel Freundlichkeit - davon sind auch diese Erinnerungen geprägt.
Die Freundlichkeit in Istanbul hat viele Gesichter: mal zeigt sie sich mit einem Lächeln, mal mit sich wiegender Melancholie. Mal ist sie neugierig, verspielt oder wohlwollend, mal wirkt sie weise, mal ist sie in Sorge und mal will sie beschützen.

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Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Zimmer ohne Wände



Den Raum anderer betritt man mitunter ohne es recht zu bemerken. Auf einem kleinen Absatz inmitten einer der zahlreichen steilen Treppenstraßen Istanbuls, irgendwo zwischen oben und unten, spricht mich ein Mann aus dem Dunkel heraus an. Er spricht türkisch, und natürlich verstehe ich ihn nicht. Trotzdem weiß ich, dass er mich meint, denn sonst ist niemand da. Ich drehe mich um und begreife, dass ich ein Zimmer ohne Wände betreten habe. Ich stehe quasi schon im Türrahmen, den es natürlich nicht gibt. In Zeichensprache fordert der Mann mich auf, ein Foto von ihm zu machen. Dass ich die dunkle, menschenleere Treppe fotografiere findet er möglicherweise sinnlos. Ich weiß es nicht, denn ich spreche seine Sprache nicht und kann ihn nicht fragen. Auch sonst kann ich ihn nichts fragen und wieder einmal bedauere ich, dass ich kein Türkisch spreche. Also mache ich ein paar Fotos von dem fremden Mann, der sich darüber freut. Dann gehe ich weiter zu meinem Hotel, dass sich in seiner Stadt befindet, in der er selbst kein Zimmer hat.

Samstag, 12. Juli 2014

Typ des Jahres



„So zu sein wie ich bin, das ist zuerst einmal meine eigene Wahrheit“, so hat Conchita Wurst zur dpa gesprochen. Sie sei kein Vorbild und sie erwarte nicht, dass sich nun jeder junge Mann eine Perücke aufsetze und dazu einen Bart trage. (nachzulesen zb. bei FAZ.net)
Ein paar junge Männer haben es aber doch getan, und sogar auch eine junge Frau: beim diesjährigen CSD in Köln war Conchita Wurst zwar nicht persönlich anwesend, aber dennoch irgendwie dabei.
Vermutlich kennen die Conchita-Doubles auch ihre ganz eigene Wahrheit; für diesen Tag jedoch haben sie ein populäres Bild gewählt, um sich und ihren Standpunkt zu zeigen. Ein Bild, das - zumindest in meinen Augen - für Mut, Präsenz und Freiheit steht. Und, ja, auch für Pathos. Na und?

Natürlich ist das Bild der Conchita Wurst keinesfalls für jeden positiv besetzt. Der russische Politiker Wladimir Schirinowsky sieht die Sache gänzlich anders: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas“, sagte er im russischen Fernsehen.




Von der Zukunft erhoffen sich wohl die meisten Menschen, dass sie gut wird. Vielleicht sogar besser: als das Jetzt, als das Vergangene. Den Ausruf „We are unstoppable!“ den Conchita Wurst mit hochgereckter Faust in die Weiten der Eurovison-Song-Contest-Welt hinaus schallen ließ, verstehe ich als Selbstermächtigung. Als eine Ankündigung die eigene Zukunft lebenswürdig zu gestalten, dafür zu kämpfen, dass Homosexualität nicht verheimlicht werden muss.

Morgen endet die WM. Aber nach der WM ist ja vor der WM, oder so ähnlich. Jedenfalls winkt aus der Ferne schon die nächste WM herüber. Und auch die Übernächste. Beide finden in Ländern statt, in denen Homosexuelle diskriminiert werden: in Russland ist 'Homosexuellen-Propaganda' verboten, in Katar Homosexualität gleich ganz.
Für das Tabuthema Homosexualität im Fussball ist die Zukunft in Bezug auf etwaige Unstoppable-ität also durchaus als trübe zu betrachten. An dieser Stelle ist übrigens meine Empörung grenzenlos: da kann die FIFA Antidiskriminierungs-Banderolen auf dem Spielfeld ausrollen lassen wie sie will. Die nächsten 8 Jahre hat sie vorgefärbt.
Ende Juli bekommt der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger bei der 11 Freunde Meisterfeier in Hamburg einen Preis überreicht: in der Kategorie Typ des Jahres. Hitzlsperger hat im vergangenen Januar seine Homosexualität öffentlich gemacht. Auch ihm geht es um einen normalen Umgang mit Homosexualität; darum, sich nicht damit verstecken zu müssen.

Eigentlich ist es bitter, dass die Entscheidung, die eigene sexuelle Ausrichtung nicht länger zu verheimlichen eine öffentliche Ehrung des Fußballers nötig macht. Mit Blick auf die herrschenden Umstände aber ist es leider prima und als Zeichen von Akzeptanz und Solidarität zu werten.

Conchita Wurst ist für mich auch so ein Typ des Jahres. Beim CSD haben sich ein paar andere Conchitas mit ihr solidarisch gezeigt, oder ihr möglicherweise die Ehre erwiesen. Oder beides. Ich habe mich jedenfalls über jede Conchita gefreut.

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Dienstag, 8. Juli 2014

Die Wimpern von BayBJane


BayBJane

Die Arbeit hat mich nach wie vor fest im Griff; am Sonntag hat sie mich dankenswerter Weise die diesjährige CSD-Parade in Köln miterleben lassen. Dort bin ich, wie ich allerdings erst nachträglich per mail erfahren habe, den Drag Queens BayBJane und Cybersissy begegnet, die sich kurz vor Beginn des Zuges auf einer LKW-Laderampe ausgeruht haben. Unzählige andere müssen schon vor mir um ein Foto gebeten haben, denn als sich Cybersissy mit ihrem gelb-gigantischen Kopfputz ihrem kleinen Grüppchen zuwendet und über meinen Wunsch informiert, vernehme ich deutlich ein müdes „nooochmal ...“, dass Hand in Hand mit einem wenig begeisterten Fragezeichen daherkommt. Cybersissy aber befindet mit spielerischer Beißlaune dass ich wichtig aussehe, was ich natürlich bejahe. Für mich selbst bin ich wahnsinnig wichtig. So gesehen hat sie also völlig Recht.



Tim Lienhard, hinten links, Cybersissy und BayBJane, vorne.

Der Autor, Produzent und Regisseur Tim Lienhard hat über Cybersissy und BayBJane einen Film gedreht: One Zero One. „So schief wie ich bin, ich bleib wie ich bin“, sagt Mourad Z. alias BaBJane im Trailer. Die Art wie er das sagt, sein Blick und die Musik, die im Hintergrund die Szene trägt, berühren mich auf eine wesentliche Weise. Ich bin neugierig auf den Film. Nachträglich ist es mir um so mehr eine Ehre, die drei fotografiert haben zu dürfen.
Und diese Wimpern von BayBJane ...




Weiter gehts meinem kleinen CSD Rückblick in Bildern, der quasi am Wegesrand der Arbeit entstanden ist. Hurra!
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Donnerstag, 17. April 2014

Nachtspaziergang



Mindestens seit Karneval, eher schon länger, habe ich unentwegt gearbeitet. Ich will mich nicht beklagen: ich hab tolle Jobs und nette Kunden. Viel arbeiten konnte ich schon immer gut, und manch anderes dafür weglassen auch. (Im nächsten Leben konzentrier ich mich vielleicht mal auf die Pausen.)

Gestern aber hat eine strenge Stimme in mir freie Zeit gefordert. Nachdem ich die letze vorösterliche Kundengalerie hochgeladen hatte, habe ich – weil ich mich kenne – besser mal schnell das Haus verlassen. Um nicht übergangslos Liegengebliebenes anzugehen.
Den folgenden aushäusigen Feierabend-Parcours habe ich so spontan wie hilflos gestaltet. Ich war schließlich sogar im Kino, aber der Film war so dürftig, dass mir meine frischgewonnene Freizeit zu schade für ihn war. Also bin ich gegangen. Und zwar in die Nacht hinaus. Dort war es schön und ich habe ein wenig vor mich hin fotografiert. Ganz ohne Absicht. Nur zum Vergnügen.
Hier nun also die Fotos meines ersten freien Abends seit Wochen, mit denen hoffentlich das Blogschwungrad langsam wieder in Gang kommt.
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Mittwoch, 19. März 2014

Die Verwandlung proben



Karneval ist schon lange her, ich weiß. Aber die Welt ist klein – und die Fotos von Weiberfastnacht sind plötzlich wieder ganz nah. Vorgestern habe ich nämlich eine mail bekommen: „Ich bin Rebekka, die Pantomime, die du an Altweiber am Aachener Weiher fotografiert hast.“ Rebekka schrieb, dass sie Catalina kennt, die ich vor kurzem hier vorgestellt habe. Genauer gesagt, ist Rebekka wohl Catalinas Gesangslehrerin. Sowas!

Im letzten Jahr hatte ich – ebenfalls an Weiberfastnacht und auch am Aachener Weiher – Benjamin fotografiert und später nochmal in Zivil getroffen.
Mit etwas Glück kann ich das mit Rebekka wiederholen. Ich bin neugierig, sie abseits vom Karneval zu treffen.

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Dienstag, 11. März 2014

Wer keine Wohnung hat, braucht trotzdem einen Schrank



Es ist 7 Uhr morgens. Ein Mann läuft die Strasse entlang und biegt in den Weg neben dem Park ein. Er trägt zwei Bündel; eins im Arm, eins über der Schulter. Zwischen den Büschen links und den parkenden Autos rechts windet sich ein schmaler Bürgersteig mit absurder Kurvenführung. Ein stadtplanerisches Mißgeschick, kaum jemand nutzt ihn. Der Mann mit den zwei Bündeln schon. Er folgt ihm dreifach um seine sinnlosen Ecken und stoppt an einem Busch. Dort kraxelt er eine Weile herum. Für einen Moment ist er nicht mehr zu sehen.
Dann nimmt der Mann den gleichen Weg wieder zurück. Diesmal ohne Bündel. Zurück auf der großen Strasse schneuzt er sich auf den Boden, wischt die Hand an der Jacke ab und geht davon.

Einige Zeit später kommt ein anderer Mann. Er trägt nur ein Bündel: es ist ein kleiner blauer Plastiksack. Der Mann steuert ein Gebüsch an, das wenige Meter vom ersten Bündel-Busch entfernt liegt. Er wählt jedoch den Weg von der anderen Seite, über die Wiese. Es scheint ihm weniger wichtig zu sein, ob jemand ihm zusieht. Routiniert verstaut er den blauen Sack unter ein paar Ästen. Dann geht er Richtung Supermarkt. Dort steht er jeden Tag mit seinem verbeulten Pappbecher am Eingang.

Gegen Mittag erscheint ein Fußtrupp städtischer Müllmänner. Sie durchkämmen regel­mäßig die Grünanlage.  Besonders eilig haben sie es nicht. An der Mülltonne machen sie eine Rauchpause. Sie reden, aber es scheint nicht wichtig zu sein. Einer geht über die Wiese zu dem Gebüsch, unter dem der blaue Sack liegt. Er holt ihn hervor und trägt ihn zu den blauen Säcken, die die Müllmänner auf ihrem Wagen mit sich herumfahren. Der Sack aus dem Gebüsch ist kleiner und kompakter als die anderen Säcke, und er ist aus einem anderen Material. Vor allem aber hat er eine andere Bedeutung.

Die Müllmänner beenden ihre Rauchpause und ziehen samt Wagen weiter. Die beiden Bündel des ersten Mannes liegen noch da.