Sonntag, 20. März 2016

Nebel über Helgoland



Als das das Schiff anlegt ist der Himmel über Helgoland grau. Die Überfahrt war ruhig, aber kalt. Anfangs sind viele Menschen an Deck umhergelaufen, doch schon bald waren es nur noch ein paar wenige. Die meisten einfache Arbeiter, zumeist Polen wie mir scheint. Zwei von ihnen stehen während der ganzen Fahrt. Eine Hand in der Tasche, in der anderen Hand halten sie abgegriffene Plastiktüten. Manchmal reden sie ein paar Worte. Ansonsten gucken sie in die Ferne. Es sitzen auch ein paar deutsche Handwerker draußen. Auf dem Rücken ihrer Arbeitskleidung steht, welchem Gewerk sie angehören. Einer packt seine Butterbrotdose aus, in der all seine geschmierten Brote und irgendwelche Würste nochmal in Alufolie eingewickelt sind. Ich merke, dass ich Hunger habe und laufe eine Runde durchs Schiff.
Drinnen sitzen überwiegend Touristen. Es ist warm und das Meer ist plötzlich weit weg. Der kleine Schiffskiosk ist leergekauft. Ich setze mich wieder nach draußen und denke fasziniert, was es doch für einen enormen Unterschied macht, ob man drinnen oder draußen ist. Besonders auf dem Meer.



Ein paar Stunden später laufe ich den Klippenrundweg auf dem Oberland entlang. Viel sehen kann ich nicht, es ist neblig. Einen Ort im Nebel zu erkunden ist eine feine Sache. Es ist ein langsames sich annähern, ein behutsames Aufeinandertreffen. Ich mag das. Nur Stück für Stück gibt die Landschaft etwas von sich preis. Farben, Formen und Geräusche sind gedämpft. Fast ist es, als würde die Insel sagen: Wenn du dich wirklich für mich interessierst, dann nimmst du mich auch so.
Man ist mit sich und der Umgebung allein, ein exklusives Nebel-Tête-à-Tête. Die Ferne bleibt im Verborgenen, mit dem Nahen kann man sich verbinden, eine eigentümlich intime Entdeckungsreise.













Auch den Lummenfelsen kann ich zunächst nicht sehen. Dafür begrüßt mich eine spektakulärer Chor aus Vogelgeschrei. Von der trägen Ruhe, die der Nebel übers Land geworfen hat, sind Basstölpel und Möwen völlig ungerührt. Es herrscht ein geschäftiger Lärm der mich zum Lachen bringt, und der, weil ich noch gar nichts erkennen kann, auch einen wohligen Grusel erlaubt. Schließlich schälen sich die ersten Vögel aus dem grauen Dunst.

















Auch das Unterland liegt verlassen da. Ein Mann eilt mit Feierabendschritten an mir vorbei, in der Hand eine Pizzaschachtel. Er verschwindet in einem Appartementhaus. Bestimmt ein Off-Shore-Arbeiter, spekuliere ich vor mich hin, und bin ein wenig neidisch auf einen Alltag am Meer.








In den nächsten Tagen ist der Himmel meistens so blau, wie ich ihn für meine Arbeit brauche. Es ist noch immer wunderbar kalt. Als ich am Tag meiner Abreise wieder aufs Schiff gehe, scheint die Sonne. Viele Menschen sitzen an Deck. Noch bevor wir ablegen dreht das Wetter. Wolken ziehen auf und bringen Nebel mit sich. Helgoland verschwindet im grauen Dunst. Der Nebel winkt sachte herüber und macht mir den Abschied schwer.

Später kommen ein Mann und eine Frau durch die schwere Eisentür an Deck. Sie gehen ein paar Schritte und kehren rasch wieder um. Der Mann sagt: „Das bringt doch nix, wenn man nichts sieht.“


Freitag, 11. März 2016

Bloß nicht ertappen lassen!



Es sind ja oft die scheinbaren Nebensächlichkeiten, die einen an einem Menschen nachhaltig beeindrucken. Oder auf die man beispielhaft zurückgreift, um ihnen ein Bild zu geben. So eine vermeintlich kleine Begebenheit, ein leicht zu übergehendes Erlebnis hatte ich mit Isabel Bogdan im letzten Sommer.

Ich muss dazu sagen, dass ich Isabel schon ziemlich lange aus dem Netz kenne. Persönlich habe ich sie das erste Mal vor ca. neun Monaten getroffen. Damals war sie mit der Fertigstellung ihres erstes Romans beschäftigt, der in diesem Frühjahr bei KiWi erschienen ist.
Jedenfalls: weil ich beruflich in Hamburg zu tun hatte, habe ich mich im Vorfeld mit einer recht banalen Frage und eher nebenbei an Isabel gewandt: ich wollte in der wenigen freien Zeit gern ein bisschen Klamotten gucken gehen und ich weiß – weil sie in ihrem Blog darüber schrieb – dass Isabel mit viel Sinn und Verstand ihre Lieblingsläden auswählt.
Naja, ... wie es dann manchmal so ist: sie brauchte gerade Fotos für ihr neues Buch. So haben wir vereinbart, dass wir uns am Tag nach meinem Job in Hamburg treffen um uns kennenzulernen, um Pläne und auch um ein paar Probefotos zu machen.



Kein Probenfoto: Frau Bogdan entert den See

Am Abend vor unserer Verabredung habe ich beim „Picknick mit Vergnügen“ im Schanzenpark fotografiert. Davon wusste Isa (merkt ihr was – ich werde zunehmend vertraulicher in der Namensgebung) aber nichts. Doch in der echten Welt gilt ja: sie ist eine kleine. Irgendwie war ein Freund meines Kölner Auftraggebers auch auf diesem Picknick und der wohnte (im Film erschiene das nun übertrieben) seit einer Weile im selben Haus wie Frau Bogdan (Rückwärtsloop in die Höflichkeits-Form). Wie nun der genaue Austausch der Informationen zustande kam; ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls hat besagter Freund (oder ich selbst?) der Frau Bogdan offenbar irgendwas gesmst und sie hat kombiniert, dass ihr neuer Nachbar und ich mich auf der gleichen Veranstaltung befinden.
Etwas mühsam erzählt? Jetzt kommts: die Isa, also die Frau Bogdan, also die hat sich dann jedenfalls ungeachtet der sich auf ihrem Schreibtisch stapelnden Arbeitsberge und einer nicht zu unterschätzenden Zahl S- oder U-Bahn-Stationen mit Umsteigen auf den Weg gemacht. Um schon mal „Hallo“ zu sagen.

Während ich mit der Kamera um picknickende, hippe, junge Menschen herumgeschlichen bin, die mich vermutlich alle gesiezt hätten, kam plötzlich eine große, blonde Frau auf mich zu. Und wie sie kam: mit einer bedingungslosen Herzlichkeit, das werde ich nie vergessen. Das hat mich umgehauen. Ich fand das einfach un!heim!lich nett. Natürlich hat meine zurückhaltende Art verhindert, dass sie davon etwas hätte bemerken können. Am nächsten Tag wären wir ja ohnehin verabredet gewesen, dachte ich verlegen. Aber nein, Frau Bogdan hat sich schon am Abend vorher zum Guten Tag sagen auf den Weg gemacht. Keine große Sache? Kann man so sehen. Aber gerade diese leichtfüßig-verbindliche,  gutgelaunte Freundlichkeit, die nicht Komplikationen sondern Möglichkeiten sieht, das beschreibt für mich Frau Bogdan. Isabel Bogdan!


Wir haben uns dann ein zweites Mal getroffen: um 'richtig' Fotos zu machen: hier eins der offiziellen Pressefotos


Noch ein Wort zu ihrem Buch? Es heißt „Der Pfau“. Tolle Rezensionen gibt es hier! und hier.
Ich persönlich finde ja nicht, dass es darin um einen Pfau geht. In Marlen Haushofers (immer wieder lesenswertem) Roman „Die Wand“ geht es ja auch nicht um eine Wand.

Im „Pfau“, dessen Titelheld als verbindendes Element zwischen verschiedensten Menschen zu verstehen ist, geht es um eine der grundlegend alltäglichen menschlichen Nöte des Lebens: sich bloß nicht ertappen lassen. Alles daran zu setzen, dass die großen und kleinen Unsicherheiten und Unzulänglichkeiten, die persönlichen Leerstellen unentdeckt bleiben. Vor allem vom unmittelbaren Gegenüber. Zum Beispiel von einer herzlichen Autorin, die auf einen zugelaufen kommt. So ungebremst freundlich, dass man selbst vor Freude ganz beschämt ist und sich alle Mühe gibt, dabei nicht entdeckt zu werden.
Derlei Situationen kennt jeder, da bin ich sicher. Bei Frau Bogdan liest sich dieser routinierte Griff zur Alltagsmaske heilsam vergnüglich. Sie beobachtet genau, sie beschreibt und entlarvt die Protagonisten ihres Kammerspiel-Ensembles, das sie im schottischen Hochland ausgesetzt hat. Aber sie richtet nicht über sie: „...weil man beim Schreiben die Personen ja alle von innen sieht - in dem Moment geht die Beurteilung weg.“
Beim Lesen packt man sich - nun doch ertappt - bestens unterhalten immer wieder an die eigene Nase.



Ein offizieller 'outtake'. So sieht das aus, wenn der Frau Bogdan kalt ist.

Sonntag, 21. Februar 2016

Sich zeigen - nicht schweigen

Das bin ich. Ich zeige heute hier ein Foto von mir selbst - um Gesicht zu zeigen. Das Bild ist im letzten Sommer entstanden, nicht extra für diesen Post, aber das ist egal.
Sich zeigen - nicht schweigen, das reimt sich blöderweise, aber das muss nun auch egal sein.


„Wer schweigt, scheint zuzustimmen“ lautet ein Sprichwort. Anlässlich der jüngsten Ereignisse in Clausnitz und Bautzen ist es mir ein dringendes Anliegen, deutlich erkennbar nicht zuzustimmen. Es ist mir ein Bedürfnis nicht zu schweigen. Auch wenn es mir gleichzeitig gar nicht leicht fällt mich auf so direkte Art sichtbar zu machen und ich - vor allem öffentlich - gerade bei politischen Themen eher schweige, wenngleich ich damit keineswegs denen zustimme, die sich mit ihrer Meinung am lautesten die wichtigsten Plätze verschaffen.

Ich finde es unerträglich, das so etwas wie in Clausnitz oder Bautzen passieren kann. Dass es passieren darf. Es tut mir weh, zu sehen, wie viel Herzlosigkeit möglich ist. Ich bin fassungslos. Und zwar über jeden einzelnen rassistisch motivierten Übergriff, der in den letzten Monaten, nein Jahren stattgefunden hat.
Ich fühle mich hilflos - was kann man tun, um ein Umdenken in den Köpfen derer anzuregen, die da gewaltvoll ihren Hass gegen Fremde hinausschreien, die Unterkünfte abbrennen oder Hetzparolen verbreiten? Was kann man tun, um ihr Mitgefühl oder ihre Selbstreflexion zu aktivieren?

Im Video, das die Ankunft des Busses mit geflüchteten Menschen in Clausnitz zeigt, ist vorne im Bus ein Junge im blauen Kapuzenpulli zu sehen. Erst hält er sich an jemandem fest, dann blickt er weinend hinaus und geht anschließend die Stufen zur Bustür hinunter. Er soll da jetzt raus. Raus in die grölende angsteinflößende Welt vor dem Bus, hinein in ein Gebäude, das als neues Zuhause gedacht war und sich als Falle entpuppt.
Dass hinterher ein Polizeipräsident den Flüchtlingen im Bus und nicht der grölenden Menge davor, die Schuld an der Eskalation der Ereignisse geben darf verschlimmert die Ereignisse maximal und ist ein verheerendes Signal.

Ich möchte mein Mitgefühl für die geflüchteten Menschen bekunden, die in Clausnitz bei ihrer Ankunft Angst und Schrecken erleben mussten. Ich möchte das Wort direkt an sie richten und sagen:

Es tut mir unendlich leid, was Sie bei Ihrer Ankunft erleben mussten. Ich möchte um Verzeihung bitten dafür, dass sich Deutschland mit seiner schlimmsten Fratze gezeigt hat. Es ist schwer, Worte zu finden. Der Schrecken muss unermesslich sein. Ich fürchte vor allem, dass der Schrecken noch gar nicht zu Ende ist: wer würde sich nun noch in Clausnitz vor die Tür trauen? Ich nicht.
Eigentlich stelle ich mir alles schrecklich vor: die Heimat verlieren, sein Leben aufgeben müssen, Flucht, Todesangst, Hunger, Ungewissheit und Ohnmacht. Wie grauenhaft, das alles erleben zu müssen. Wie grauenhaft für euch Kinder, denen sich die Welt in jungen Jahren so feindlich zeigt. Wie grauenhaft für Sie als Eltern, die ihren Kinder kaum den Halt und Schutz bieten können, wie Sie es sicher gerne würden. Und es bis vor einer Weile vielleicht auch noch konnten.
All diese schrecklichen Erlebnisse während der Flucht, alle Anstrengungen, all die Verzweiflung, alle Hoffnung und Hoffnungslosigkeit: allein die Vorstellung etwas derartiges zu erleben lässt mich innerlich verzagen.
Was ich sagen möchte, auch indem ich nun mein Foto hier zeige: Es tut mir leid, dass Ihnen Menschen in Deutschland ohne Not eine weitere Grausamkeit zugefügt haben.


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Karlo Tobler (den ich zwar nicht kenne, aber dessen posting in meine timeline gespült wurde)  hat sich auf den Weg nach Clausnitz gemacht und einen Text darüber geschrieben.







Freitag, 5. Februar 2016

Am Ende des Tages ein Zebra



„Und, hast du schöne Fotos gemacht?“ fragt mich John Lennon in der Dämmerung. „Ne, ich hab nur Mist zusammenfotografiert.“ erwidere ich unfroh. John Lennon ist übrigens in Wahrheit Janis Joplin und irgendwie passt das zu meinem Tag: man sieht eben nur, was man sehen will. Oder kann. Janis Joplin kann ich nicht von John Lennon unterscheiden und im Karneval vermag ich keinen Frohsinn zu entdecken. Auf meinem diesjährigen Spaziergang durch die Kölner Weiberfastnacht weicht die Melancholie mir nicht von der Seite. Sie färbt meinen Blick und bremst meinen Schwung - also das bisschen, das mich überhaupt hat losziehen lassen. Und dann auch noch immerzu Regen.




In der Reihenfolge ihres Entstehens zeige ich nun also Fotos des gestrigen Tages. Die lückenhafte Zusammenhanglosigkeit darf als Indiz für meine innerliche Unentschlossenheit verstanden werden. Bis ich es schließlich getan habe, habe ich mich an der Frage abgearbeitet, ob ich nicht einfach wieder heimgehen soll.

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Samstag, 30. Januar 2016

Mehr Katzen für das Internet



Es heißt ja immer leicht verächtlich das Internet sei voll von Katzen. Ich weiß nicht welches - meins jedenfalls nicht. Das Internet in dem ich unterwegs bin, ist, so erscheint es mir in diesem frisch angebrochenen, bereits vielfach beschädigten Jahr, bedauerlich voll von schlechten Nachrichten, Niedertracht und erschütternder Rechthaberei.

An manchen Tagen fühle ich mich müde von all den grausamen, durch Menschen verursachten (oder nicht durch sie verhinderten) Katastrophen und dem Hass. Dem Hass, der Grausamkeiten ermöglicht, dem Hass, der sich als Reaktion darauf formiert und dem verbalen Hass, der gedanklicher Notdurft gleichkommt (ich lese fahrlässigerweise Kommentarspalten). Ich werde müde von der Niedertracht, vom grassierenden Unwillen auch nur einen ausführlichen Moment lang innezuhalten, bevor man der Welt seine quadratisch-gepresste Meinung in oftmals gewalttätigen Worten antut. Oder bevor man das Streichholz oder gar eine Handgranate bemüht.
Philosophie sei „die Kunst, Unrecht zu haben“ wird der Philosoph Hans-Georg Gadamer im Editorial des aktuellen Philosophie Magazins zitiert. Etwas anders formuliert er es im Gespräch mit Rüdiger Safranski: philosophieren sei die Fortsetzung des Zweifels mit anderen Mitteln. (bei 12:36)




Das Innehalten und das Zweifeln scheinen mir wenig populär in diesen Tagen. Schnell dahingelärmte Antworten hingegen schon.
Und da fallen mir die Katzen ein. Mir selbst hilft beim Innehalten ganz gewiss die Katze. Ich gucke ihr beim Sein zu und stelle ein ums andere Mal fest, dass sie nicht sonderlich viel tut. Dabei lässt sich prima innehalten. Ich frage mich – ganz nach persönlicher Verfassung – mal dies, mal das: ist der Katze nicht langweilig? Wozu all die Knochen und Muskeln, wenn sie doch nur herumliegt? Was fängt sie an mit all den Erkenntnissen, die sie bei ihren hochkonzentrierten Erkundungen aller unverschlossenen Schränke, Schubladen und der umliegenden Höfe gewinnt? Warum eigentlich bin ich nicht selbst auch eine Katze? Was mag nur in ihr vorgehen, frage ich mich und entschuldige ihre unerschütterliche Katzenroutine mit den Worten: Sie weiß ja nichts von Zeit und Geld.
Die Katze ist meine Mahnung, meine Erinnerung daran, mich immer wieder zu fragen, ob, warum und wann Tun und Haben wirklich besser ist als Sein.

Diese katzenverursachten Gedanken und Fragen mögen sich in der Herleitung etwas schlicht lesen. Ich kann aber versichern, dass ich mir wieder und wieder den Kopf auch um zentrale Fragen des Lebens und des aktuellen Zeitgeschehens zerbreche, bloß weil die Katze guckt, wie sie guckt.

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Samstag, 9. Januar 2016

Von sich selbst sprechen



Zu schweigen ist für Sakher keine Option: Themen, über die berichtet werden muss, die kritisch zu hinterfragen sind, Zusammenhänge, die es zu verstehen oder Missstände, die es zu benennen gilt - Sakher will sie an – bzw. aussprechen. Er möchte, dass Wahrheiten es ans Tageslicht schaffen und sie nicht unterwegs durch politische, persönliche oder wirtschaftlichen Interessen pervertiert werden: „... weil es um Macht oder Geld geht.“

Um ein Leben führen zu können, in dem es ihm möglich ist als Journalist zu arbeiten ohne politisch verfolgt zu werden, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein, hat Sakher eine lange, schwierige Reise angetreten. Sein Ziel: Deutschland, die Freiheit.
„Ich bin bereit den Preis zu zahlen, den mein Wunsch nach einem freien Leben kostet.“ Er hat Syrien verlassen, seine Eltern, Geschwister, Freunde. Er lebt nun in einem Land, in dem er zunächst monatelang Ungewissheit aushalten und sich um eine Aufenthaltserlaubnis bemühen musste. Im Spätsommer letzten Jahres hat er sie erhalten. „Das war ein wichtiger Schritt: denn nur so kommt man aus dem Flüchtlingscamp heraus und kann den Flüchtlings-Status hinter sich lassen.“ Für Sakher steht nun der zweite Schritt an: „Eine Wohnung zu finden.“ Schritt für Schritt will Sakher sich sein neues Leben aufbauen. Er lernt Deutsch, knüpft Kontakte, schließt Freundschaften. Er entwickelt Ideen und Pläne, die seine berufliche Zukunft betreffen, und er versucht, das System Deutschland zu verstehen, damit er Notwendigkeiten und Möglichkeiten einschätzen kann.




Sakher hat Politikwissenschaften in Damaskus studiert. Kritische Recherchen zu politischen Themen haben ihn schon während seines Studiums ins Blickfeld des syrischen Geheimdienstes gerückt, schließlich wurde er verhaftet und war im Gefängnis. „Am Gefängnis ist nicht das Schlimmste, dass man darin sterben kann. Das Schlimmste ist, was alles mit einem passieren kann, bevor man stirbt.“ Sakher hatte Glück, er wurde aus dem Gefängnis entlassen; mit der Warnung, dass man ihn weiterhin beobachtet. Sakher musste lernen heimlich zu sein. Eine zweite Verhaftung hat er nicht abgewartet.

Sakher ist es ernst mit seinem neuen Leben, mit der Chance, für die er sich in Unsicherheit und Gefahr gebracht hat, um Krieg und Verfolgung zu entkommen. Die schlimmsten Stunden seines Lebens hat er auf der Flucht erlebt. Sakher kann sie klar benennen: „Die Fahrt in einem kleinen Boot übers Meer, der Marsch durch die Berge von Mazedonien nach Serbien.“ Nach einem kleinem Moment fügt er hinzu: „Und die Zeit im Gefängnis.“

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Mittwoch, 30. Dezember 2015

... und dann auch noch schnücksch?



Vom Mitspielen dürfen

Eines möchte ich diesem Text voranstellen: unendlich viele Menschen in diesem Land widmen sich aufopferungsvoll, unentgeltlich, unentwegt und zumeist unerwähnt der Hilfe und Unterstützung von Flüchtenden. Sie verwenden ihre Kraft und Zeit um zu helfen. Ich kann mich nicht dazuzählen, denn ich tue quasi nichts. Allerhöchstens ein leises 'quasi' darf ich mir gönnen, oder ein hoffnungsvolles 'noch nichts'.
Ich lese, ja. Vor allem Herrn Buddenbohm gilt an dieser Stelle mein Dank, der sich regelmäßig die Mühe macht profunde Linksammlungen zum Thema zusammenzustellen, die er nach wie vor bescheiden Sonderausgabe nennt.
Ich lese also, ich mache mir Gedanken, nehme innerlich Teil. Aber weder stehe ich in einer Suppenküche, noch in einer Kleider-Sortierkammer, noch bin ich sonstwie irgendwie tätig.
Meine kleinen Aktionen sind situative Einzelhilfen im Promillebereich, von denen ich nur hoffen kann, dass sie tatsächlich hilfreich sind. Meine vielen Gedanken beschäftigen mich persönlich, haben aber keine Wirkung, keinen Nutzen im Außen.

Oft versuche ich mich hineinzuversetzen: in Menschen, die auf der Flucht sind, die ihr Leben verloren haben, die aber noch am Leben sind. „Losmarschiert als Preussen und als Gesindel angekommen“ schreibt Dörte Hansen in ihrem Roman „Altes Land“ über flüchtende Menschen aus Ostpreussen. Ich übertrage das im Geiste auf Menschen aus Syrien, Afghanistan, Afrika, woher auch immer eben die Menschen stammen, die ihr Leben auf der Flucht riskiert haben.


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Sonntag, 27. Dezember 2015

Haydarpaşa, kapalı



Es gibt Orte, an denen ist man üblicherweise nicht allein. Oder besser gesagt, vielleicht ist man an ihnen sogar allein, aber man ist nicht für sich. Manche Orte teilt man naturgemäß mit anderen Menschen; sogar mit vielen zumeist. Deswegen hat es es immer seinen ganz eigenen Zauber, solche Orte menschenleer vorzufinden. Schon einer nächtlichen, verlassenen Fußgängerzone, die nur für den Öffnungszeiten-orientierten Tag gemacht zu sein scheint, wohnt dieser eigentümliche Reiz inne. Oder eine Kneipe (sagt man eigentlich heute noch Kneipe?) die man nur laut und voll und (früher) verqualmt kennt; verstörend in trübem Tageslicht, die Stühle auf den Tischen, ernüchternd dreckig und über allem der spröde Duft der Zapfanlage, den man lieber nicht gerochen hätte. Und gibt es nicht auch Filme zum Thema? Nachts im Museum, Allein im Kaufhaus ...




Haydarpaşa, der historische Kopfbahnhof auf Istanbuls asiatischer Seite, war einmal der zweitgrößte Bahnhof der Stadt. Hier kamen Züge aus Anatolien, Syrien, Iran, Irak an. Wer weiter nach Europa wollte musste die Fähre über den Bosporus zum Bahnhof Sirkeci auf der europäischen Seite nehmen; so wie es Hercule Poirot in 'Mord im Orientexpress' getan hat, um mal ein fiktives Bild zu bemühen.

Heute ist Haydarpaşa ein seltsam verlassener Ort. Im Frühjahr 2012 wurde zunächst der Fernverkehr und etwas später auch der Regionalverkehr eingestellt. Obwohl das nun schon über drei Jahre her ist wirkt alles, als wäre der Bahnhof erst kürzlich hastig geräumt worden. Zwar sind die Fahrkartenautomaten im Eingang abgebaut, die Ticketschalter sind geschlossenen und frei von persönlichen Spuren. Hinter den Fenstern stehen Schilder: 'Kapalı', das bedeutet 'Geschlossen.' Auch die kleinen Bahnhofskioske - die Büfes - sind verlassen, leer, teilweise mit Brettern vernagelt. Bis auf einen. Ganz rechts in einer Reihe toter Schaufenster bietet ein letzter Kiosk noch immer Tee und Zigaretten an und was es eben so gibt im türkischen Büdchen.




Vielleicht liegt es an den Zügen, die noch auf den Gleisen stehen, vielleicht an den geschlossenen, aber hübschen Gittertoren, die den Zugang zu den Gleisen scheinbar nur vorübergehend verwehren, an den Schildern, auf denen für Reisende noch immer steht, an welchem Ort sie sich gerade befinden: Haydarpaşa. Vielleicht liegt es am vitalen Grün der eingezäunten Bahnhofsbüsche, vielleicht an den südlichen Palmen, die den Geschäftigen etwas Lässigkeit entgegensetzen . Haydarpaşa ist ein Bahnhof ohne Fahrplan und das macht ihn zu einem traurigen Ort.
Aber irgendwie scheint den Bahnhof selbst niemand informiert zu haben, dass er fortan nicht mehr genutzt werden soll. Mit Contenance und Würde steht er aufrecht und wirkt vorbereitet. Es fällt so leicht, sich ein wuselndes Meer aus Reisenden, Koffern und Stimmen vorzustellen, die sich wie selbstverständlich in ihm ausbreiten und bewegen. Der Bahnhof ist ein verlässlicher Veteran, der zu früh den Dienst quittieren musste und ein renitentes Lüftchen weht heimlich durch die Hallen: Ihr könnt mich mal, ich bin noch da!


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Dienstag, 1. Dezember 2015

Drei Generationen Haus



In einer schmalen, steilen Strasse im Istanbuler Stadtteil Cihangir steht Elas Geburtshaus. Nicht nur sie, auch ihre drei Schwestern – die älteste ist 38, die jüngste 17 – sind hier zur Welt gekommen.
Ela, die ich im Café ihres Großvaters Cemal kennengelernt habe, hat mich eingeladen, sie in ihr Haus zu begleiten: „Wir leben dort alle zusammen, meine Eltern, meine Großeltern, ich und meine jüngste Schwester.“ Ela ist (ich schrieb es schon) von leiser, aber überbordender Herzlichkeit. Wie könnte ich ihr Angebot ausschlagen.

Also machen wir uns gemeinsam auf den Weg vom Café - wo bis auf den Vater und Elas Schwester gerade die familiäre Hausgemeinschaft versammelt ist - und schlendern die kurvige Strasse bergab in Richtung Haus. Unterwegs zeigt Ela mal hierhin, mal dorthin; im oberen Teil der Strasse steht ein opulenter Neubau mit großen Panoramafenstern. Dort wohnt, so erfahre ich, ein berühmter Schauspieler einer beliebten Seifenoper. Ela kennt auch den Preis seiner Wohnung, denn der stand in der Zeitung; irgendeine Zahl mit Million hintendran, sehr teuer jedenfalls. Ein paar Meter weiter kürzt eine steile Treppe für Fußgänger den Weg nach oben ab. Die Stufen sind voll besetzt, überall sitzen grüppchenweise junge Leute zusammen. Es ist Freitag Abend, es ist warm, die Sonne geht gerade unter, und der Bosporus glitzert Weite und Geborgenheit zugleich in den nahenden Abend hinaus.

An der nächsten Biegung zeige ich auf einen bunten Strauss Peperoni, die am Fenster eines hübschen, gut erhaltenen Holzhauses zum trocknen draußen hängen. Neben dem Haus steht eine Palme. Bereits letztes Jahr habe ich hier ein Foto gemacht, auch damals hingen Pepperoni und Kräuter am Fenster. Ela freut sich – hier wohnt ihre Freundin.




Ela kennt das Viertel, an jedem Haus fällt ihr eine Geschichte ein. Und wo kein Haus mehr steht, sondern nur noch eine bröckelige Mauer, stand früher mal eins, wo sie mit ihren Freunden gespielt hat.
Ela ist 23. In dieser Strasse, in diesem Viertel ist sie groß geworden. Wir erreichen das Haus ihrer Großeltern, ihrer Eltern, ihr Haus. „Da oben ist mein Fenster,“ sagt Ela und zeigt in den zweiten Stock. Dann erklärt sie mir alle anderen Fenster, während ich die Eingangstür suche. Die Tür ist aus Metall und schief in eine schiefe Mauer eingelassen. Alles hier ist schief, kaum sind wir in dem kleinen Innenhof, wo mich eine der sechs oder sieben Hauskatzen begrüßt, geht es schief weiter. Als ich selbst ein Kind war, wurde ich in einem markanten Moment meines Lebens mit dem Phänomen 'windschief' bekannt gemacht. Hier, in Elas Haus, befinde ich mich nun in einer Art Zentrale des windschiefen.
Ela führt mich durch den Hof zur Haustür, aus der soeben ihr jüngere Schwester tritt. Sie verhält sich beruhigend jugendlich. Mit Ela wechselt sie mimikfrei nur die nötigsten genuschelten Worte, mich ignoriert sie weitgehend. Während sie ihre Turnschuhe anzieht, lese ich auf ihrem T-Shirt: Don't kill my Vibe.




Ela bewegt sich mit mit liebender Selbstverständlichkeit durch das Haus, in dem sie schon immer lebt und mit dem sie auf eigene Art verschmolzen zu sein scheint. Wenn sie mir etwas erklärt, dann damit ich das Haus verstehe, damit auch ich mich im Haus auskenne, mich darin bewegen kann. Ela präsentiert nicht, sie lädt ein. Sie teilt. So unspektakulär kann Gastfreundschaft daherkommen, und so ohne Zweifel.
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Montag, 26. Oktober 2015

Cemals Café



Istanbul ist auf sieben Hügeln erbaut und jeder dieser Hügel bietet unzählige Aussichten und Panoramablicke. Stünde das Wort Hügel für einen hohen mathematischen Rechenwert und nähme man den zum Quadrat – oder besser noch alle sieben Hügel zum Quadrat – dann käme dabei eine immens hohe Zahl heraus, die die Fülle der Aussichtsmöglichkeiten Istanbuls beschreiben würde. An einem dieser fast beiläufig vorhandenen, verschwenderisch schönen Aussichtspunkte hat Cemal ein kleines Straßencafé.
Selten dürfte diese Bezeichnung derart stimmig sein: Cemals Café liegt nicht nur an der Straße, es befindet sich auch darauf. Es gibt kein Drinnen und kein Draussen, es gibt keine Toiletten, nichts zu Essen und auch keine große Auswahl. Aber es gibt Kaffee, und der wird in wunderschönen kleinen Tassen serviert. Und es gibt - natürlich - einen Ausblick.



Direkt über einer kleinen, etwas räudigen Grünanlage, dem Sanatkârlar Parkı, liegt Cemals Café. Den schmalen Bürgersteig begrenzt ein Geländer, so dass niemand in den Park hinunterfallen kann. Wenn Cemal sein Café eröffnet, irgendwann am Nachmittag, stellt er ein oder zwei Tische ans Geländer. Wenn mehr Gäste kommen, stellt er noch ein paar Tische dazu. Manchmal stehen Autos am Straßenrand seines Bürgersteig-Cafés. Wenn eins wegfährt, schiebt Cemal mit einer ganz eigenen Schwungtechnik schwere, aber leere Blumenkästen aus Stein auf die frei gewordene Fläche.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, an einer graffitigeschmückten Mauer, wird von Cemals Freund Mehmet in einer Art Schrank der Kaffee zubereitet.



Cemal ist 80 Jahre alt, seit 26 Jahren betreibt er sein kleines Straßencafé. Früher war es ein paar Meter weiter rechts, aber irgendwann ist dort ein Parkplatz entstanden, so dass Cemal mit seinem Mobiliar ein wenig wandern musste. Ganz legal ist der kleine Betrieb nicht, aber richtig ernsthafte Probleme hat es in all den Jahren nicht gegeben. Nicht die Polizei sei das Problem - die auch gerade auf einen Kaffee vorbeigeschaut hat - sondern 'the government'. Das erklärt mir Ela, Cemals Enkelin, und ich vermute, sie meint so etwas wie das Ordnungsamt.

Cemals Café ist ein friedlicher Ort. Manchmal fährt ein Auto vorbei oder ein paar Jugendliche lassen den Motor ihres Mopeds aufheulen. An den Tischen sitzen Menschen im leisen Gespräch in der letzten Sonne des frühen Abends, die schließlich dem Schatten das Feld überlässt und über den Bosporus nach Asien leuchtet.
Ich bin an meinem letzten Abend bei Cemal zu Gast. Als ich meinen Kaffee bezahle, frage ich ob ich ein paar Fotos machen kann. Cemal ruft Ela, die schon seit einer Weile an der Mauer sitzt und in ihr Telefon versunken ist. Ela übersetzt und erzählt mir Geschichten aus Cemals Leben: dass er früher unten in Karaköy, in der Nähe der Galata-Brücke ein Restaurant hatte, neben dem Friseur-Salon seines Sohnes - Elas Vater. Außerdem hat Cemal dort auch einen Parkplatz betrieben - einen Otopark, wie sie in Istanbul heißen.
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