Donnerstag, 17. April 2014

Nachtspaziergang



Mindestens seit Karneval, eher schon länger, habe ich unentwegt gearbeitet. Ich will mich nicht beklagen: ich hab tolle Jobs und nette Kunden. Viel arbeiten konnte ich schon immer gut, und manch anderes dafür weglassen auch. (Im nächsten Leben konzentrier ich mich vielleicht mal auf die Pausen.)

Gestern aber hat eine strenge Stimme in mir freie Zeit gefordert. Nachdem ich die letze vorösterliche Kundengalerie hochgeladen hatte, habe ich – weil ich mich kenne – besser mal schnell das Haus verlassen. Um nicht übergangslos Liegengebliebenes anzugehen.
Den folgenden aushäusigen Feierabend-Parcours habe ich so spontan wie hilflos gestaltet. Ich war schließlich sogar im Kino, aber der Film war so dürftig, dass mir meine frischgewonnene Freizeit zu schade für ihn war. Also bin ich gegangen. Und zwar in die Nacht hinaus. Dort war es schön und ich habe ein wenig vor mich hin fotografiert. Ganz ohne Absicht. Nur zum Vergnügen.
Hier nun also die Fotos meines ersten freien Abends seit Wochen, mit denen hoffentlich das Blogschwungrad langsam wieder in Gang kommt.
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Mittwoch, 19. März 2014

Die Verwandlung proben



Karneval ist schon lange her, ich weiß. Aber die Welt ist klein – und die Fotos von Weiberfastnacht sind plötzlich wieder ganz nah. Vorgestern habe ich nämlich eine mail bekommen: „Ich bin Rebekka, die Pantomime, die du an Altweiber am Aachener Weiher fotografiert hast.“ Rebekka schrieb, dass sie Catalina kennt, die ich vor kurzem hier vorgestellt habe. Genauer gesagt, ist Rebekka wohl Catalinas Gesangslehrerin. Sowas!

Im letzten Jahr hatte ich – ebenfalls an Weiberfastnacht und auch am Aachener Weiher – Benjamin fotografiert und später nochmal in Zivil getroffen.
Mit etwas Glück kann ich das mit Rebekka wiederholen. Ich bin neugierig, sie abseits vom Karneval zu treffen.

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Dienstag, 11. März 2014

Wer keine Wohnung hat, braucht trotzdem einen Schrank



Es ist 7 Uhr morgens. Ein Mann läuft die Strasse entlang und biegt in den Weg neben dem Park ein. Er trägt zwei Bündel; eins im Arm, eins über der Schulter. Zwischen den Büschen links und den parkenden Autos rechts windet sich ein schmaler Bürgersteig mit absurder Kurvenführung. Ein stadtplanerisches Mißgeschick, kaum jemand nutzt ihn. Der Mann mit den zwei Bündeln schon. Er folgt ihm dreifach um seine sinnlosen Ecken und stoppt an einem Busch. Dort kraxelt er eine Weile herum. Für einen Moment ist er nicht mehr zu sehen.
Dann nimmt der Mann den gleichen Weg wieder zurück. Diesmal ohne Bündel. Zurück auf der großen Strasse schneuzt er sich auf den Boden, wischt die Hand an der Jacke ab und geht davon.

Einige Zeit später kommt ein anderer Mann. Er trägt nur ein Bündel: es ist ein kleiner blauer Plastiksack. Der Mann steuert ein Gebüsch an, das wenige Meter vom ersten Bündel-Busch entfernt liegt. Er wählt jedoch den Weg von der anderen Seite, über die Wiese. Es scheint ihm weniger wichtig zu sein, ob jemand ihm zusieht. Routiniert verstaut er den blauen Sack unter ein paar Ästen. Dann geht er Richtung Supermarkt. Dort steht er jeden Tag mit seinem verbeulten Pappbecher am Eingang.

Gegen Mittag erscheint ein Fußtrupp städtischer Müllmänner. Sie durchkämmen regel­mäßig die Grünanlage.  Besonders eilig haben sie es nicht. An der Mülltonne machen sie eine Rauchpause. Sie reden, aber es scheint nicht wichtig zu sein. Einer geht über die Wiese zu dem Gebüsch, unter dem der blaue Sack liegt. Er holt ihn hervor und trägt ihn zu den blauen Säcken, die die Müllmänner auf ihrem Wagen mit sich herumfahren. Der Sack aus dem Gebüsch ist kleiner und kompakter als die anderen Säcke, und er ist aus einem anderen Material. Vor allem aber hat er eine andere Bedeutung.

Die Müllmänner beenden ihre Rauchpause und ziehen samt Wagen weiter. Die beiden Bündel des ersten Mannes liegen noch da.

Sonntag, 9. März 2014

Kein Keller in Kolumbien




Vor zweieinhalb Jahren hat sich Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben einen Pullover gekauft: er war senfgelb, weich und kuschelig. Kurze Zeit später hat Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen: „Komm, Cata, schnell ...“ hatte ihr Mann eines Morgens gerufen. Dann hat er die Gardine zur Seite gezogen und da war sie: die Welt in Weiß. Und mittendrin flitzte ein Eichhörnchen durch den Schnee den Baum hinauf. „Es sah aus wie eine Postkarte,“ sagt Catalina „Ich kannte sowas nur von Postkarten. Es war unglaublich schön das zu sehen.“
Damals war Catalina 26; zum ersten Mal hat sie gespürt, wie sich Kälte anfühlt. Niemals hätte sie gedacht, dass es so kalt sein kann: minus 14 Grad.
Wie man sich bei solcher Kälte kleidet wusste Catalina nicht: „Ich habe wie immer meine Leggins angezogen. Aber das war keine gute Idee,“ sagt Catalina und lacht. „In der U-Bahn habe ich geweint, weil ich so gefroren habe.“




Im Herbst 2011 hat Catalina Kolumbien verlassen und ist nach Deutschland gekommen. Seitdem hat sie vieles zum ersten Mal erlebt, nicht nur die Kälte. Und über so manches hat sie sich gewundert: dass man Putzwasser in die Badewanne gießt, beispielsweise. Das fand Catalina anfangs richtig eklig: „In Kolumbien schüttet man das Wasser im Patio in den Abfluß.“ Oder als sie bei ihrer Schwiegermutter im Keller war und dort die vielen Lebensmittel gesehen hat: „Ich habe das gar nicht verstanden. So viel Essen. Ich dachte, sie muss sehr reich sein. Oder verrückt.“ Aber Catalina hat für ihren Integrationstest einen Geschichtskurs belegt. Und so hat sie langsam verstanden, warum die Deutschen so viel Essen im Keller lagern: „Bei uns ist das anders, alles wird frisch gekauft. Und wir haben keine Keller in Kolumbien.“

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Sonntag, 16. Februar 2014

Erste Schritte in den Himmel


Herkuleshochhaus. Blick vom Plateau des Feuertreppenhauses

Langsam aber kontinuierlich nimmt mein Projekt „Herkuleshochhaus“ Formen an. Heute habe ich das 27. Stockwerk erklommen und es war im wahrsten Sinne des Wortes erhebend. Meiner Begeisterung über den Ausblick konnte ich dank eines verstehenden Gastgebers ungehemmt Ausdruck verleihen. Kraftausdrücke und Ausrufe wie „Boah“ und „Ah ... Oh“ habe ich mich wiederholt sagen hören, während der Wohnungseigentümer, den ich im 27. Stockwerk besuchen durfte, mich mit gelassenem Wohlwollen und wissend nickend hat gewähren lassen. Schließlich hatte auch er die Wohnung bei seiner Suche nach einem neuen Zuhause nur aus Neugier angesehen, weil er dachte, es wäre eine gute Gelegenheit, mal von so weit oben einen Blick auf Köln zu werfen. Ernsthaft in Betracht gezogen hatte er sie  zunächst nicht.
Die Begeisterung über den Ausblick und auch die zur Gewissheit werdende Vermutung, einen Rückzugsort zu finden, der die gewünschte Ruhe verspricht,  hat ihn schließlich bewogen, die kleine Eck-Wohnung mit Blick in zwei Himmelsrichtungen zu mieten.

Die Geschichten und Erlebnisse, die ich in den nächsten Wochen und Monaten hoffentlich das Glück haben werde notieren zu können, werde ich gesammelt veröffentlichen. Das wird sicherlich noch dauern. Womöglich auch recht lange.

Bis dahin freue ich mich über jeden Kontakt zu Bewohnern des Hauses, der mir vermittelt oder erleichtert wird.

Mittwoch, 12. Februar 2014

Discover the „I" in GIRL



Manche Erlebnisse haben ein langes Echo. Oder anders formuliert, sie hinterlassen einen bleibenden Abdruck auf der inneren Landkarte des eigenen Lebens. Im Laufe der Jahre sammeln sich mehr und mehr solcher, manchmal sehr deutlicher Abdrücke, denen oftmals starke Eindrücke vorangegangen sind. Und manchmal verbinden und verweben sich diese Abdrücke miteinander, möglicherweise weil sie durch Erfahrungen ganz gegensätzlicher Art entstanden sind. Sodass etwas Neues aus ihnen erwächst: eine Idee vielleicht, ein Verständnis oder der Wunsch, die erlebten Gegensätzlichkeiten nicht reglos hinzu­nehmen, auch wenn sie nicht aufzulösen sind.

Auf Sonjas innerer Landkarte ist ein solch deutlicher Abdruck vor gut 15 Jahren entstanden. Da war sie zum ersten Mal in Indien, um ihre Schwester zu besuchen, die mit behinderten Kindern im Süden des Landes gearbeitet hat. Wie viele Menschen, die aus westlichen Ländern das erste Mal nach Indien reisen, war auch Sonja zunächst überfordert: von den Umständen in denen die meisten Inder leben, vom indischen Alltag, von den hygienischen Gegebenheiten, von Indien an sich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick.
Besonders erschüttert hat Sonja die Situation der Kinder, die sie durch die Arbeit ihrer Schwester kennengelernt hat. In deprimierend armen Verhältnissen wurden diese Kinder unterrichtet. Aber nicht etwa in einer Schule, sondern in einem Hospiz, Tür an Tür mit Menschen, die an Lepra erkrankt waren und dem Tod entgegensahen.





Ein anderer deutlicher Abdruck auf der eigenen inneren Landkarte, der gegensätzlicher kaum sein könnte, ist die Geburt von Sonjas erster Tochter vor 12 Jahren.
Einige Jahre später hat Sonja ein weiteres Kind zur Welt gebracht und vor 3 Jahren hat sie ihr drittes Kind bekommen. Für ihre drei Kinder empfindet Sonja eine tiefe Liebe. Aber sie empfindet auch eine tiefe Dankbarkeit; dafür, dass alle gesund sind, dass es allen gut geht, dass sie in Sicherheit leben und aufwachsen können.
„Natürlich könnte ich mich jetzt einfach hier hinsetzen und mich freuen, meinen Kindern zusehen und alles wäre schön“, sagt Sonja. Aber genau das kann sie nicht. Sie kann es nicht, weil da noch der andere Abdruck ist; das Wissen um die Ungleichheit, die Erinnerung an die Armut und Hoffnungslosigkeit von Kindern in anderen Teilen der Welt. Ihr Glück, sagt Sonja, möchte sie gern teilen, sie möchte etwas davon zurückgeben.
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Montag, 10. Februar 2014

Fünf auf einen Streich



Es gibt ein paar Neuigkeiten zu berichten, und die fasse ich ganz effizient hier mal alle zusammen. Los gehts:

* In der Samstagsausgabe der Rhein Main Presse vom 25.1. gab es einen, wie ich finde, sehr schönen Artikel von Ute Strunk über mich, meinen Blog und meine Arbeit. Hier gehts zur Onlineversion, (leider ohne Fotos.)

* Außerdem habe ich einen Zweitblog gestartet; was es damit auf sich hat steht im gleichnamigen Eröffnungspost: hintergrundrauschen.

Auch wenn es naiv erscheinen mag, so bin ich zuversichtlich, dass ich hier wie da genügend Zeit zum Schreiben finden werde. Obwohl das Schreiben mir gerade in den letzten Wochen eher schwer fällt. Ich scheitere wieder und wieder am eigenen Anspruch und weiß, es ist die Leichtigkeit, der ich eine bessere Gastgeberin sein muss. (... ach, möchte, ich meine natürlich möchte ... )

* Seit einer Woche gibt es hier im Blog nun einen Flattr Button. Es ist ein Versuch. Wiederholt habe ich nämlich beim hochgeschätzten Herrn Buddenbohm von seinen Reiseunternehmungen gelesen, in die er seine Flattr-Zuwendungen einfließen lässt. Ich denke, bei mir wird es wohl auf eine beförderungsfreie Tageswanderung hinauslaufen, denn der Zähler steht nach wie vor auf Null. Und ehrlicherweise flattre ich selbst erst, seitdem ich diesen Button hab.

* So, dann habe ich mir ( warum, habe ich vergessen) zum allerersten Mal ein Ticket für die re:publica gekauft. Das war im letzten Jahr; es handelt sich um ein Early Bird Ticket. Dem frühen Vogel ist nun natürlich etwas dazwischen gekommen. Im Mai werde ich also nicht in Berlin sein können. Ich werfe es hiermit wieder auf den Markt. (re:publica & Media Convention Combined Standard)

* Und dann fand ich im mail-Postfach heute die Nachricht, dass ich im Rahmen des von der Featurette ausgerufenen Jahres der Bloggerin, nun ebendiese der Woche bin. Wer es noch nicht kennt: die Featurette ist ein Webmagazin, das „Frauen im Netz sichtbarer machen und gute Webinhalte stärker herausstreichen“ möchte. Allerlei interessante Blogautorinnen sind dort versammelt, deren aktuelle Beiträge stets verlinkt werden.

Und zum Schluss noch ein leichtes, also ein Leichtigkeits- Lied.




Dienstag, 28. Januar 2014

100 Jahre Leben



Heute wird Frau E. einhundert Jahre alt. Mit einer Mischung aus Skepsis und Freude hat sie bei meinem gestrigen Besuch gesagt, in ihren Augen sei das keine besondere Leistung. Auf die Welt zu kommen, das sei die wahre Leistung.
„Etwas in mir ist noch zu gesund zum sterben“, sagt Frau E., die sich viele Gedanken über den Tod macht, und das habe ich sie schon manchmal sagen hören. Dabei hebt sie wie bedauernd die Augenbrauen und die Schultern und lächelt mit müder Akzeptanz im Blick.

Ich habe Frau E. gestern nach einer langen Weile wiedergesehen. 2012 habe ich sie sehr häufig besucht, 2013 habe ich sie sehr vernachlässigt. Ich empfinde das als unverzeihlich.

Es fällt mir nicht leicht, über Frau E. zu schreiben. Trotz meiner Treulosigkeit im vergangenen Jahr verbindet uns etwas sehr Besonderes. Der Weg zwischen uns ist kurz, nach wie vor. Frau E. besitzt einen regen Geist, der niemals zur Ruhe zu kommen scheint. Immer ist sie interessiert, innerlich mit etwas beschäftigt, und ihre Gedanken teilt sie in wohlformulierten Worten gerne mit. Wir haben viel geredet und auch ein bisschen was miteinander erlebt. Deswegen müsste ich nun alles schreiben, oder gar nichts.
Für alles brauche ich noch Zeit. Ihren einhundertsten Geburtstag gar nicht zu erwähnen würde aber dem besonderen Anlass nicht gerecht werden.

Frau E. ist immer gerne gegangen. Das hat sie mir erzählt. Auch als hochbetagte Dame hat sie ihren Rollator stets flott voran geschoben. Das habe ich erlebt. Inzwischen sitzt sie im Rollstuhl, den sie als Gefängnis empfindet. Frau E. hat ihr persönliches Jahrhundert durchschritten, und mir scheint, dass all diese Schritte im Innen und im Außen ihren wachen Geist beschreiben, der nicht bereit ist, stehenzubleiben

Liebe Frau E., ich weiß, dass Sie selbst dem heutigen Tag mit gemischten Gefühlen begegnen. Ich aber möchte mich bedanken für Ihre einhundert Jahre Leben, und ich feiere Sie dafür. Im Herzen.





Montag, 27. Januar 2014

31 Stockwerke



In Köln Ehrenfeld steht ein Hochhaus – das Herkuleshochhaus. Es ist eines der höchsten Gebäude der Stadt, und es dürfte in Köln kaum jemanden geben, der es nicht kennt. Von weitem wirkt seine Fassade, als wäre sie bunt gekachelt, und sie passt somit eigentlich ganz gut nach Köln, denn viele Hausfassaden sind hier gekachelt. Das ist selten wirklich schön, aber insgesamt ist es ein vertrauter Anblick in dieser Stadt. Das Herkuleshochhaus hat durch seine Fassade, sowie durch seine für Köln eher ungewöhnliche Höhe sogar einen gewissen Kultstatus erlangt. Es schmückt Postkarten, Frühstücksbrettchen und mit Fotomotiven bezogene mdf-Platten einer modernen Szene, die  eine inzwischen etablierte Form des Lokal– bzw. Regionalpatriotismus abbildet. Dennoch hat das bunte Haus, das auch Papageienhaus genannt wird, nicht den allerbesten Ruf. Vage Gerüchte machen ebenso vage die Runde; um den Zustand des Hauses und den der Wohnungen, und um deren Bewohner. Von Drogen, Kakerlaken, „nur Ausländern“ und Polizei ist die Rede, von Suizidanten, die sich am Pförtner vorbei ins Haus hineinschleichen, weil es hoch genug ist um herunterzuspringen. 




Neulich habe ich zufällig gelesen, dass im Herkuleshochhaus rund tausend Menschen leben. Das ist eine beachtliche Zahl, die ich seitdem versuche mir vorzustellen.

Von weitem sieht das Haus vor allem groß aus. Das ist es auch: 102 Meter ragt es in die Höhe, 31 Stockwerke versammeln sich darin. In China würde man erst seit 2 Metern überhaupt von einem Hochhaus sprechen, in Köln gilt ein anderer Standard. Wenn man sich dem Haus nähert, wird es plötzlich seltsam klein. Je näher man kommt, desto weniger raumgreifend wirkt der Bau, denn plötzlich befindet man sich in einer recht gewöhnlichen Wohnstrasse, von der aus man auch den Hauseingang sehen kann. Damit wird das Haus real und greifbar.
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Dienstag, 7. Januar 2014

Komm, Röb, wir gehen



Jedesmal wenn Herr M. mit seinem Rad durch die Thielenstrasse fährt, wird irgendeine Erinnerung aus Kindertagen wach. Denn hier hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht, als zweitältester von vier Geschwistern; drei Jungen und ein Mädchen. In der Nummer 8 haben sie gewohnt, Parterre rechts, im Hinterhof war eine Wiese.
Wir schlendern gemeinsam die Strasse entlang; Herr M. möchte mir zeigen, wo seine Verwandten gelebt haben; der Bruder vom Vater und die Schwester, die schräg gegenüber ebenfalls Parterre wohnte: „Sie hat den ganzen Tag am Fenster verbracht, so rausgebeugt,“ erklärt Herr M. und macht mir vor, wie seine Tante sich aufs Fensterbrett gestützt hat.
Die Tante mochte er nicht: „Sie hat den ganzen Tag getuschelt, immer so ...“ sagt Herr M. und macht 'bsbsbsbs' dabei, und seine Finger führen am Mund eine wispernde Bewegung aus. Dem kleinen Robert hat das Angst gemacht, denn er fürchtete stets, es könne dabei um ihn gehen.




„Ich habe schon manchmal überlegt, dass ich gerne nochmal ins Haus gehen würde. Wenn die Müllabfuhr kommt, kann man schon mal reingucken,“ sagt Herr M. als wir vor der Nummer 8 stehen. Die Tür ist verschlossen, der Müllwagen ist vor einer Weile an uns vorbeigefahren. Herr M. hat den Müllmännern gewunken und etwas rüber gerufen. Er kennt auch heute noch viele Menschen in der Strasse, dauernd grüßt er jemanden und hält einen kurzen Schwatz. Seit über 40 Jahren arbeitet er in der Druckerei an der Ecke, da kennt man natürlich die Nachbarschaft.
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