Sonntag, 5. September 2010

Weder falsch noch alleine





Anil ist einer der ersten die ich in Istanbul fotografiert habe. Ich treffe ihn Samstag- abends in Beyoglu auf der Istiklal Caddesi; der Fußgängerzone und Hauptader des Stadtteils. Besonders am Wochenende sind hier abends und nachts unglaublich viele Menschen unterwegs, das Istanbuler Nacht- leben hat es in sich. Passenderweise be- deutet Istiklal Caddesi auf deutsch Strasse der Unabhängigkeit, denn genau dieses Thema liegt Anil sehr am Herzen. "Ich selbst zu sein, oder es zu werden, das ist für mich das wichtigste. Unabhängig zu sein von dem was mir beigebracht wurde, und selbst zu entscheiden und herauszu- finden was mich ausmacht." Anil engagiert sich als Freiwilliger bei Lambda Istanbul, einer Vereinigung die sich für die Rechte von homo- und bisexuellen Menschen in der Türkei einsetzt. Verboten ist Homosexuali- tät zwar nicht. Allerdings ist der gesell- schaftliche Druck enorm, und es besteht auch kein rechtlicher Schutz in Form eines Antidiskriminierungsgesetzes. Das Thema hält auch einige Absurditäten bereit; so gilt nur der passive Teil des Paares als schwul, zum Wehrdienst wird man nicht zugelassen, wobei allerdings mitunter Beweisfotos verlangt werden.
Das Motto „Ne yanlış ne de yalnızsınız“ von Lambda Istanbul bedeutet übrigens "Ihr seid weder falsch noch alleine".
Anil is one of the first persons I asked for a photo. I meet him on a saturday night in Beyoglu at Istiklal Caddesi, the pedestrian zone and center of the district. Especially at nighttime at the weekends a large crowd of people is on the road; the Istanbul nightlife is a world of it's own. Approppriately enough the translation of Istiklal Caddesi means Street of Independency. This is a subject which means a lot to Anil: "To be myself, or to become myself, that's most important to me. To be independent of what I was taught, of what others may think, to decide by myself what I consier right or wrong and to find out who I really am." Anil is involved as a volunteer at Lambda Instanbul, an organization which is fighting for the rights of gays and lesbians in Turkey. Being homosexual actually is not forbidden. But the social pressure is of extreme significance, and there is no legal protection like an anti-discrimination law. The subject, besides, includes some absurdities; so only the passive part of a couple is classified as gay, gays are not permitted at the military service, but it may be requested of the military doctors that the homosexuality is proofed by photos.
The motto „Ne yanlış ne de yalnızsınız“of Lambda Istanbul, by the way, means "You're neither wrong nor alone".

Kommentare:

  1. Sehr interessant und schön geschrieben!
    Und mir gefällt seine Brille total :)

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  2. Deine Fotos aus der Türkei sind allesamt sehr schön geworden und ich gucke sie gerne an. Vor allem, weil der begleitende Text vieles erklärt, worüber man sich noch keine Gedanken gemacht hat. Danke für diesen Einblick in ein anderes Land!

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  3. toller mann. die ohrringe sind super. aber - was ist denn der 'passive teil' eines schwulenpaares? und gibt es [immer] eine so klare aufteilung?!

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  4. ein starker, hübscher junger mann! genau das strahlt er aus! toll, dass es solche leute gibt!

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  5. rebhuhn, als passiv gilt derjenige der sich beim Sex penetrieren lässt. so sieht's aus... ich sags ja; absurd.

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  6. Interessant stelle ich mir vor,wie das mit den Beweisfotos gehen soll. Also legen die Männer zwei Fotos vor jeweils in umgekehrter Haltung sind dann beide passiv?

    Ich finde es toll, dass dieser junge Mann wirklich mutig mit sich umgeht und zu dem steht, was ihn ausmacht. Das hat er ja auch gesagt. In der Türkei ist das glaube ich einfach noch mal viel krasser als in Deutschland.

    Viele Grüße,
    Isidora

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  7. hab über anil letztens auch ein kurzes interview online im buttmagazine gelesen. für alle die es auch lesen mögen: http://www.buttmagazine.com/?p=8720

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  8. "Ich selbst zu sein, oder es zu werden..."
    Ja! Danke, Anil! Und: Danke, liebe Smilla!

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  9. Ich bin ein bisschen spät und eigentlich ist hier auch schon alles Wichtige gesagt, denke ich. Es liegt mir dennoch noch am Herzen, Dir, liebe Smilla, für diesen Artikel zu danken, der angesichts der beschriebenen intoleranten Verhältnisse fast Brechreize auslöst, besonders wenn man den von Dir entdeckten Links nachgeht...! Was geht's uns (gleichgeschlechtlich Liebenden) doch (verhältnismäßig) gut, hier in Deutschland, inzwischen! Ich finde zwar, dass es auch hierzulande weiterhin gute Gründe gibt, auf die Straße zu gehen - sei es demonstrierend oder "nur" sich ganz alltäglich zeigend. (Ein heterosexuelles Paar küsst sich schließlich auch ganz selbstverständlich vor aller Augen, um sich zu verabschieden oder einfach so.) Auch hier gibt es Gegenden oder menschliche Zusammenhänge, in denen das Gleiche bei zwei Frauen oder zwei Männern als alles andere als normal angesehen wird. Aber unter Bedingungen wie den beschriebenen in der Türkei ist es garantiert ungleich schwerer, sich zu wehren und für sich einzutreten! Deshalb möchte ich Anil und seinen MitstreiterInnen meinen hohen Respekt aussprechen und ihm/ihnen ganz viel Kraft und Mut und eines Tages auch immer mehr Erfolg für diesen K(r)ampf wünschen! (Auch wenn er diese Kommentare bedauerlicherweise vielleicht nicht lesen kann??)

    Liebe Grüße

    Anna

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  10. Liebe Anna, ich schicke Anil eien Zusammenfassung der kommentare auf englisch... :-)
    Ungleich schwerer trifft es leider auch nur knapp, wie mir scheint, denn die Repressalien die bei einem outing zu befürchten sind, sind wirklich häufig sehr existentiell.
    Vielleicht schätze ich die Lage deutscher homosexueller auch falsch ein, da ich ja in Köln in einer extrem homosexuellenfreundlichen stadt lebe... In einem Dorf ganz tief im Inneren des Landes sieht der Druck sicher noch mal anders aus, auch wenn es hier nicht derartig um Leib und Leben geht wie es in der Türkei häufig der Fall zu sein scheint..
    Respekt habe auch ich in höchstem Maße! lg smilla

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  11. I love his sly amusement! Super photos. Smilla, do you have a special way of asking permission to photograph? Do people ever say no?

    So the so-called 'female' in the relationship is classified as "gay." The one who is penetrated. And the penetrator is male! So certain men--many of whom are married and have children--can call themselves straight guy-guys when they have sex, as some do, with "passive" gays.

    And so on and so on . . .

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  12. Mim, well I just ask and explain what the photos are for. Yes, sometimes people say no, like yeaterday for examole. An old man who looked so fantastic, but he said he's too shy for a picture to be taken. But, and that was so surprisingly touching, he offered me, that he could send me a photo of him. He was so polite and all...

    In the case of Anil we even wrote mails about what excactly I may write and how.
    The passive -active-thing is supporting the system, I think... that's bad.

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  13. Hallo wobei noch dazu gesagt werden muss das Analverkehr nicht zwingend zu einer Beziehung von zwei Männern dazu gehört. Also nicht in jeder Partnerschaft gibt es diese Aufteilung und wird dies praktiziert.
    In der Türkei ist es unweit schwieriger als bei Uns. Noch schwieriger ist es aber im Irak. Dort werden HS von den Milizen gejagt,misshandelt,verfolgt und ermordet. Das alles gezielt. Milizen klinken sich in Chat-Rooms ein, verabreden sich mit Schwulen Männern um Sie dann zu folter und zu ermorden.
    Wenn die Amerikaner abziehen wird sich das noch verschlimmern. Es geht also immer noch schlimmer.

    LG Pascal

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  14. querbead, naja, die erörterung an sich ist ja schon absurd.... Im Iran steht Homosexualität bei Männern sogar unter Todesstrafe, Frauen werden ausgepeitscht. Alleind das hier hinzuschreiben verursacht mir Übelkeit.
    Von den Lynchmorden ganz zu schweigen.

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  15. Hallo Smilla lange Thema wahrscheinlich auch die falsche Stelle so ein schöner Blog.
    Ansprechen muss man das aber mal gelle ;-)

    LG

    Danke für den Einblick

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  16. Ein sehr brisantes Thema in der Türkei. Einem Land in dem es offiziell keine Homosexualität gibt.
    Ich habe drei Jahre in Istanbul und Izmir (also sehr modernen Städten) gelebt, da mein Mann dort beruflich zu tun hatte. Und als wir mit unserem damals neugeborenen Sohn dort beim Kinderarzt waren erklärte er uns doch allen Ernstes, dass wir bitte nicht rektal Fieber messen sollten, da kleine Jungs davon schwul werden könnten. Ohne Worte....
    Wir haben danach übrigens den Arzt gewechselt.
    LG von
    Daniele

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  17. querbead, ja, ansprechen muss man es auf jeden Fall, und ich hab auch überlegt wie ausführlich ich das thema angehen soll.
    ich hoffe ich konnte wenigstens zum nachdenken anregen oder ein wenig aufmerksamkeit wecken

    Dany, das ist unglaublich was du da schreibst. unfassbar. Realsatire.

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  18. Hoffe sehr, niemand von den Menschen, die Du in Istanbul kennengelernt hast, ist direkt oder indirekt vom Anschlag dort betroffen!

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  19. Anna, das hoffe ich auch,
    das Foto hier ist übrigens eine minute entfernt vom Taksim Platz entstanden

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  20. Smilla, das hab' ich mir nach meiner Recherche gedacht; genau deshalb habe ich meinen heutigen Gedanken hier eingereiht.

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