Montag, 21. Januar 2013

Revue (2)


Später als geplant folgt nun der zweite Teil meiner kleinen Serie unveröffentlichter Bilder und Ge­schichten des vergangenen Jahres. Auch wenn Rückblicke dieser Art vielleicht gerade in den ersten Tagen des neuen Jahres übermäßig "vergangen" wirken; wendet man sich doch mit Inbrunst dem Neuen zu, froh, das Alte hinter sich gelassen zu haben. Nun ja, ich schlage dieser Zäsur ein Schnippchen und halte mich nicht dran.
Bei einem Fest, das ich im September fotografiert habe ist dieses Bild entstan­den. Es ist definitiv eins meiner liebsten Bilder des Jahres 2012. Der Herr hinter der Maske hat ein kleines Theater in einer Stadt, die eine gute Stunde von Köln entfernt liegt und mein Plan ist, ihn dort einmal mit meiner Kamera zu besuchen.
Weiter gehts, bitte hier entlang...
On to the second part of my little retrospective of unpublished photos and stories of 2012. Even though reviews like this seem to be completely outdated during the first days of the new year; everybody is ready for whats coming up next, happy to move on from the past. Well, I don't care and ignore this fact.
I took the picture above  at a party I photographed in september and it's definitely one of my favourites of 2012. The man behind the mask is running a small theatre in a city close to Cologne and I plan to visit him once with my camera.
Read more, please follow...




Im April war ich in Istanbul, der Stadt meines Herzens. Dort habe ich ein paar der Menschen wiedertreffen wollen, denen ich bei meinem ersten Besuch begegnet war. Unter anderem Adile, die in Wahrheit gar nicht so heißt. Ihren wirklichen Namen kenne ich nicht. 2010 wurde ich an meinem Tag im Stadtteil Kumkapi von einer Frau begleitet die für mich gedolmetscht hat. Anders wäre eine Verständigung in diesem Viertel kaum möglich gewesen. Die Übersetzerin kannte Adile, wusste aber ihren Namen nicht. Weil sie sie nicht kränken wollte, konnte sie auch nicht für mich danach fragen. Also habe ich sie Adile genannt. Das ist ein armenischer Name.
Bei meiner Reise in diesem Jahr wollte ich ihr gern ihr Foto bringen und ihr vor allem von der enormen Resonanz auf ihre Geschichte berichten. Wieder hatte ich jemanden dabei, der für mich übersetzen sollte; diesmal ein junger Mann.
Die Begegnung war verstörend. Adile saß auf ihrem Stuhl vor ihrem Zimmer und doch war sie nicht wirklich anwesend. Ein paar umstehende Männer haben Witze gemacht und es war deutlich, dass dies keine Ausnahme ist. Adile ist sehr böse und agressiv geworden und sogar auf einen von ihnen losgegangen. Ihr Foto hat sie schnell zusammengefaltet und weggesteckt.
Ein Gespräch war nicht möglich. Zu sehr war Adile mit ihren Spöttern beschäftigt. Mein Übersetzer hat nichts schönes übersetzen können, Adile wurde mit beleidigenden Kommentaren attackiert.
Schließlich sind wir ratlos und sprachlos gegangen. Ich mit  einem Gefühl der Schuld, diese Turbulenz verursacht zu haben.
In april I went to Istanbul, a city I fell in love with two years ago. I wanted to visit some of the people I've met in 2010. One of them was Adile, whose real name I don't know, to tell the truth. When I first met her I was accompanied by a woman who agreed to translate for me. It wouldn't have been possible to find anyone speaking english in Kumkapi, the district I wanted to visit that day. The translating women knew Adile but she couldn't remember her name. She didn't want to insult her, so she couldn't ask for me, either. So I called her Adile, which is an armenian name.
This year I wanted to give the photo to her and I wanted to tell her about the enormous resonance on her story. Again I was accompanied by a translator, this time it was a young man.
Meeting her turned out to be a surprisingly upsetting situation. She was sitting in front of her room, behind her small desk, but somehow she wasn't really there, in a way. Some men around kept making jokes on her and it was obvious that this hasn't been exceptional. Adile became very angry and agressive and she even turned on one of the men. She grabbed her picture, foldet it and put it in her pocket immediately.
There was no chance to talk to her. Adile was completely busy with her mockers. My translator could only translate awful things, Adile was covered with insults. Finally we gave up and walked away, clueless and wordless. I left with the feeling of guilt, because I caused this upheaval.




Im November habe ich Fotos auf einer Frühchen-Station gemacht. Darüber werde ich noch  ausführlicher schreiben. Viele Eindrücke und Gedanken beschäftigen mich, wenn ich daran zurückdenke.
Sehr präsent ist mir beispielsweise noch der deutliche Impuls, die Kamera einfach sinken zu lassen und wortlos zu verharren vor diesen kleinen und zarten Menschen­wesen in ihren gläsernen Behausungen.
In november I took photos on a premature baby unit. I will report on this more precisely at a later date. Many impressions and thoughts are coming to my mind when I think of this day.
For example I felt the urge to drop my camera and to remain silent. Just looking at those tiny little human beings in their vitreous habitations.



Den November und Dezember habe ich un­ter anderem damit zugebracht 14 Gewerke für ein Booklet zu fotografieren. Mit Verena, einer prima Gebrauchsgrafikerin habe ich begonnen. Was ihr an ihrer Arbeit am meisten Spaß macht beschreibt sie so: "Ein Gefühl für meine Kunden und ihre Vorstellungen zu entwickeln und und Ihnen dann genau das zu präsentieren was sie vorher nicht in Worte fassen konnten. Und ich habe das große Glück, dass wir fast immer zu einem Ergebnis kommen, das beiden gefällt."
Wer eine Grafikerin mit Herz, Verstand und guten Ideen sucht ist bei Verena auf jeden Fall bestens aufgehoben.
Mehr zu dem Booklet-Projekt gibts dem­nächst zu lesen.
So gesehen ist diese Rückschau zugleich auch ein Ausblick. Auch wenn es etwas gemächlich losgeht hier, wünsche ich mir nämlich wieder mehr Zeit für meinen Blog.
During november and december I took a series of portraits of 14 professions for a booklet. I've started with Verena, a great graphic designer. What she likes most about her work she describes like that: "To get a feeling for my clients and their ideas and to present them a result, which shows exactly what they weren't able to put in words before. And happily most of the time we find a result which satisfies both of us." If you are looking for a graphic designer, working with heart and mind and who is full of productive ideas, here she is.
More about this booklet-project will follow soon, and so this retrospect is a perspective, as well. Even though I start slowly I definetely wish to find more time for my blog again.

Kommentare:

  1. Schön mal wieder bei Dir reinzusehen liebe Smilla und was Du über Adile schreibst berührt mich sehr. Ich kann mir gut vorstellen wie ratlos Du nach dieser Situation warst.
    Und wie traurig diese Frau sie muß.
    Man möchte sie einfach mal in den Arm nehmen und drücken!
    Warum überhaupt haben diese Männer sie denn so verspottet und warum sind Menschen immer wieder so grausam zueinander?

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  2. .. vielen Dank. Ich freue mich immer wieder über das "Lesen dürfen" und bin nun ein wenig gespannt :-)
    Einen lieben Gruß
    Sandra

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  3. Auf Deinen Post bzgl. der Frühchenstation bin ich schon jetzt sehr gespannt. Allein schon das Foto hier rührt mich.
    Ausgerechnet heute so einen kleinen Fuß zu sehen ist schon ein wenig viel. Heute wäre Ina 4 Jahre alt geworden...

    **

    Verena hat eine "Arbeitseinstellung", die ich sehr schätze und teile. Sehr spannend.

    Das Erlebnis mit "Adile" betrübt mein Herz.

    Ich sende Dir verschneite Grüße aus Bremen
    Oona

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  4. Was mag Adile passiert sei? Sie hat so einen intensiven, tiefen Blick auf dem frühen Foto.
    So anrührend das kleine Füßchen
    Verenas Lachen offen und froh
    und der Herrmit der Maske ...vielversprechend.
    Wie machst du es nur, Smilla, du bringst bei mir richtig was zum Klingen.
    Danke
    Ulli

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  5. Deinem Wunsch für Deinen Blog schließe ich mich aus Leserinsicht von Herzen an: Ich werde mich sehr freuen, wenn wieder mehr von Dir zu lesen und zu beschauen ist!

    Da mein Leben zwar nur als mäßiges Frühchen, aber auch in so einer gläsernen Behausung begann, berührt mich Dein diesbezügliches Foto und Dein Gedanke dazu besonders - und ich bin schon jetzt gespannt auf die ausführlichere Version!

    Ebenfalls berührt und bestürzt mich die weitere Geschichte um Adile (oder wie immer sie in Wirklichkeit heißen mag) herum! Möge baldmöglichst irgend etwas geschehen, was ihr Leben in eine angenehmere Richtung lenken kann!

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  6. Sally; ich weiss nicht genau worum es ging bei diesem Streit. Mir schien es, als würden die Männer einfach davon ausgehen, dass Adile "nicht ganz richtig" ist, zb hat mein Dolmetscher es so ungefähr geschildert.
    Die ganze Situation wirkte irgendwie sehr erprobt, will sagen, ich hatte nicht den Eindruck, dass es eine Ausnahme war. dazu war Adiles Reaktion auch schon zu eingespielt.
    Und ja, warum sind Menschen so oft so grausam?

    Anna, mit dem Wort bestürzend triffst du es sehr gut, wie ich finde.
    Ulli, was Adilse passiert ist, ist glaube ich eben diese "Nachbarschaft".

    Oona, was du da andeutest beschäftigt und berührt mich. Dass ich genau den Tag "getroffen" habe...

    Weil das Thema Frühchen sicher einigen sehr nahe geht habe ich schon überlegt, den Post dazu entsprechend einzuleiten, also quasi früh genug vorm Weiterklicken zu "warnen", nicht alles kann man jederzeit gut (v)ertragen.

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  7. Meine Gedanken sind bei Adile.

    Und bei den Frühchen, und auch was 'das' für das Leben ihrer Eltern auslöst. Bei meiner Mutter war es keine schöne Zeit, die auf mein ebenfalls nur mäßiges Frühchen-Sein mit Gelbsucht folgte. Vor ~3o Jahren hat man nämlich während der Brutkasten-Zeit und kurz danach, zumindest bei mir, den natürlichen Eltern-Kind-Kontakt nicht eben gefördert.

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    1. Liebe Rebekka,

      da teilen wir etwas: auch meine Eltern durften vor gut 36 Jahren 6 Wochen lang nicht zu mir. Heute "weiß" ich, dass das für beide Seiten erheblichen Einfluss hatte... Aber es tut gut, finde ich, dies hier bestätigt zu finden! Es stärkt das Gefühl, nicht "zu spinnen"...!

      Smilla, danke für Deine Um- und Vorsicht bei diesem Thema!

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