Sonntag, 17. Februar 2013

Liebe ist nicht Räucherstäbchen


Als ich Addi sehe, geht sie selbstvertieft auf der anderen Straßenseite entlang und isst etwas aus einer Bäckertüte. Ich bleibe mit dem Fahrad an der nächsten Ecke stehen und sehe ihr nach, oder zu; ich bin etwas unschlüssig, weil ich bepackt bin und mich unbeweglich fühle. Und während ich so da stehe und auf einen Impuls warte, über­quert sie die Straße und läuft direkt auf mich zu. Na dann, denkt es irgendwo in mir, dann sprech ich sie jetzt auch an. Dabei schrecke ich sie aus ihrer Versunken­heit hoch und sie macht eine kleine Huch-Ausweichbewegung, so wie jemand, der erst kurz bevor er gegen die Laterne läuft, sie noch rechtzeitig bemerkt.
When I spotted Addi she walked on the other side of the road, enjoying some pastries. I stopped my bike at the next corner, watching her. I was kind of uncertain what to do: for the reason that I was carrying quite some stuff with me I felt a bit inflexible. And while I was still standing there, waiting for some kind of impulse, she suddenly crossed the street, heading straight up to me. Well, something inside me decided, in this case I'll approach her. Doing so I gave her a start from being self-engrossed, and she made a quick move, like someone who tries to avoid to run into a street-light, last minute.



Ich erkläre Addi, dass ich fremde Menschen auf der Strasse anspreche und fotografiere, sie aber immer auch frage, was sie im Leben umtreibt. Und so versunken Addi eben noch war, so schwungvoll springt sie in ihre Antwort hinein: "Was mich umtreibt... Die Liebe. Die Liebe auf der Welt, ich habe immer noch die Hoffnung, dass sie sich ausbreitet. Und ich denke, dass man selbst etwas bewegen kann, in dem man bei sich anfängt. Indem man Liebe weitergibt. Ich denke aber auch, dass man tiefes Leid erlebt haben muss, um das alles zu verstehen." So sprudelt es aus ihr heraus.
Da, wo wir stehen ist es nicht schön. Also frage ich Addi, ob sie etwas Zeit hat. Ich schließe mein Fahrrad ab und wir machen einen kleinen Spaziergang.
Weiter gehts, bitte hier entlang...
I explained her, that I approach strangers on the street to take photos of them, but also to ask them, what keeps them engaged and busy in life. And as self-engrossed she had been a second ago, so spirited she then gave me an answer: "What keeps me engaged... Love. Love around the world, I'm still hopeful, that love will spread out. And I'm convinced, that one can help getting things changed, applying oneself. But I also think, that you have to experience sorrow to be able to understand things." She tells all this in a vivid and bubbly way.
It wasn't not too nice where we were standing, and so I asked Addi if she had some free time. I locked my bike and we went for a little walk.
Read more, please follow...



Einen Menschen zu beschreiben ist gar nicht so leicht. Deswegen beschränken wir uns so oft auf die benennbaren Parameter; Alter, Geschlecht, Beruf, Werdegang. Und greifen dann auf die Bilder zurück, die wir in uns damit verkoppelt haben.
Addi macht was mit Regie. Und auch mit Schauspiel. Ich sage, dass das ja ein ziem­licher Unterschied ist, und schüttele inner­lich den Kopf über mich. Da hätte ich ge­nausogut fragen können. "Ja, was denn nun?"
"Ja, antwortet Addi, "bei Regie hat man mehr den Überblick." Addi interessiert das assoziative Arbeiten, weniger die klas­sische Erzählweise. Am Berliner Ensemble hat sie Shakespeares Sonette gesehen, inszeniert von Robert Wilson, und sie war be­eindruckt. Robert Wilson selbst habe irgendwo gesagt, dass er Shakespeare nicht verstanden habe, und dass er sogar glaubt, Shakespeare habe selber nicht verstanden, was er da geschrieben hat. Und dennoch war Wilson fasziniert und habe einfach angefangen. "Und alle die es sehen, nehmen etwas mit, das ist toll."
It's not so easy to drescribe a person well. That's why we often concentrate on the main facts, like age, gender, profession, carreer. And we combine these fact with the projections we carry inside.
Addi is busy in directing. And also in acting. I reply, that there is quite a difference between acting and directing, shaking my head inside about myself; I sound like an unpatient mother.
"Yes", Addi says, directing is more about keeping the track." Addi is more interested in working associatively than to narrate in a classical way. At the Berliner Ensemble she saw Shakespeares Sonnetes, directed by Robert Wilson and she was deeply impressed. Robert Wilson himself said somewhere, that he didn't understand Shakespeare, and that he even thinks, Skakespeare himself didn't understand, what he had written. But Wilson got fascinated anyway, and he started to work on it. "And all the people, who watch it, are taking something from it. That's great." Addi says.



"Der Inhalt kommt oft erst im Tun." sagt Addi; das meint sie mit assoziativ. Man spürt eher, als das man denkt und sucht dann nach Wegen des Ausdrucks. Im Gespräch mit Addi kann ich ihr Spüren deutlich spüren. Sie setzt sich intensiv mit dem Leben, bestimmten Themen, dem Sein... mit Allem? auseinander. Es sind schwere Themen darunter, z.B. 'Täter und Opfer'. Und dennoch wirkt Addi leicht, auf eine ernsthafte Weise. Vielleicht ist ihre Leich­tigkeit von Schwere getragen, überlege ich.
"Content often emerges by doing." Addi says; that's what she means by working associatively. It's more about sensing than about thinking. Talking to Addi, I can sense her sensing. She keeps reflecting in an intense way;  she reflects about life, concrete topics, being, everything? There are some stiff subjects; like offender and victim. But after all Addi radiates lightness, in a serious way. Maybe her lightness is based on severity, I ponder.





Im vergangenen Jahr hat sie an einer Per­formance der Kölner Künstlerin Angie Hiesl mitgearbeitet. Mitten in der Vorweih­nachtszeit haben sie in einer verstörenden Aktion der vermeintlichen Besinnlichkeit eine fiese Fratze entgegengehalten; die Realität. Die Performance hat in dras­tischer Weise auf alltägliche Gewalt und den Umgang mit ihr hingewiesen: sexuelle Gewalt, Gewalt gegen Religionen, gegen Ausländer, gegen Frauen. "Kein Täter ohne Opfer. Und umgekehrt." sagt Addi. Man müsse sich der eigenen Sozialisation bewusst werden. Dann könne man sich aus den Rollen hinaus emanzipieren. Man muss kein Opfer bleiben. Und auch kein Täter.
Es gibt zu der Aktion ein Video, das zwar harmlos beginnt, im weiteren Verlauf aber die Realität der Gewalt mit verstörenden Mitteln darzustellen versteht. Ich möchte also eine ausdrückliche Triggerwarnung aussprechen. Teile der Performance im öffentlichen Raum haben hinter einer Sichtabsperrung stattgefunden.
Last year Addi contributed on a performance by the Cologne based artist Angie Hiesl. In the middle of pre-Christmas season they disturbed the putative contemplation with an upsetting performance and held up the mirror to people on the street. They wanted to hint at the reality of all-day-violence: sexual violence, violence against religion, against women, against foreigners. "No victim without an offender. And the other way around." Addi says. One has to face and understand the own socialisation, to be able to emanciptae oneself from it. No one has to remain a victim. And neither an offender.
There is a video of the performance available, which starts quite unoffendingly, but after a while it shows the reality of violence in an intentive, figurative way and I want to issue a trigger-warning. Some parts of this performance in public surroundings took place behind a visual cover.






Im Moment entwickelt Addi ein Ein-Per­sonen-Stück: "Das wird in Klassenzimmern aufgeführt, das ist Jugendtheater. Es geht darin um Casting-Shows." Casting-Shows versprächen den Jugendlichen so vieles, nach dem sie sich wirklich sehnen; Auf­merksamkeit, Anerkennung, Liebe. "Diese Jugendlichen haben oft bereits Risse in der Seele. Und dann werden sie doch nur vorgeführt."
Addi ist gespannt, wie das werden wird. Sie will etwas weitergeben, etwas tun: "Liebe ist nicht Räucherstäbchen." sagt sie. 
Currently Addi is working on a one-person-play: "It will be performed in class-rooms, it's youth-theatre. It's about casting shows." Addi says, Casting shows are promising so many things the youth is yearning for: attention, appreciation, love. "Many kids yet have mental scars and then they are only made look silly."
Addi is curious how her play will turn out. She wants to share something, she wants to take action: "Love is not about burning joss sticks." she says.






Als Addi 10 war ist sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder aus dem ehemaligen Jugo­slawien nach Süddeutschland gekommen. Damals war Krieg auf dem Balkan und Addi hat ihre eigene Sicht auf diesen Krieg: "Das war ein Krieg zwischen Müttern und Vätern und Kindern und Geschwistern." Wenn ich sie richtig verstehe, meint sie damit, dass die Möglichkeit für Krieg im Elternhaus entsteht. Dadurch bekommt ihre erste Antwort zu Beginn unseres Gesprächs plötzlich eine neue Dimension.
When Addi was at the age of 10, together with her mother and her brother she came from the former Jugoslavia to Germany. Back than in the Balkans war was going on and Addi has her own sight on this war: "It was a war between mothers and fathers, their kids and between siblings." If I got Addi right, she means, that the possibility of war crops up at home. Considering this, Addis first answer, concerning love, gets even a deeper meaning.



Seit 5 Jahren lebt Addi in Köln; hier fühlt sie sich zuhause. "In Köln kann ich irgend­wie frei atmen."sagt Addi. Meine Frage, ob ich schreiben darf, unter welchen Umstän­den sie nach Deutschland gekommen ist, lässt Addi zunächst nachdenklich schwei­gen. "Ich bin kein Flüchtling mehr." sagt sie schließlich. Und das sagt sie nicht, weil sie sich von der Vergangenheit abwendet, sondern weil sie sich dem Leben und dem Hier und Jetzt zuwendet; Addi hat sich entschieden.
Die Begegnung mit Addi lässt mich nach­denklich zurück, aber auch inspiriert, motiviert und aktiviert. Mir war schnell klar, dass es schwer sein wird, für alles die richtigen Worte zu finden.
Es ist gar nicht so leicht, einen Menschen zu beschreiben.
Since 5 years Addi lives in Cologne, she feels at home here. "Somehow I can breathe easily here." Addi says. On my question, if I may write about the circumstances which have brought her to Germany, she first remained quite, pondering for a while. "I'm not a refugee anymore." she says. And she doesn't mean, that she wants to turn away from her past, but she  wants to turn towards life, towards 'here and now', she has made her decision.
My encounter with Addi has left me thoughtful, it inspired me, it motivated me and activated me.
Pretty soon I realized, that it would be hard to find the right words to tell about all this.
It's not too easy to describe a person.



Kommentare:

  1. Manchmal ist es auch gar nicht so leicht, die bildliche und schriftliche Beschreibung eines Menschen zu kommentieren. Gar nichts sagen geht in meinem gerade tiefen Beeindrucktsein aber auch nicht... So will ich in ein paar Zeilen einfach meiner Dankbarkeit Ausdruck verleihen: meiner Dankbarkeit dafür dass ich nicht zu jenen Menschen gehöre, für die das, was das wahrlich verstörende Video zeigt, so oder ähnlich bittere Realität (geworden) ist (abgesehen von einem Täter in der Familie, dessen Opfer ich aber nicht selbst geworden bin).

    Auch möchte ich meiner Dankbarkeit für jene Kraft Ausdruck verleihen, die in Menschen wie Addi entstehen kann, wenn sie sich entscheiden, sich ohne sich von der Vergangenheit ab- dem Hier und Jetzt zuzuwenden und etwas weiterzugeben.

    Ebenso verleihe ich meiner Dankbarkeit für Menschen wie Dich, Smilla, Ausdruck, die genau dort hinschauen und durch ihr ganz persönliches Dokumentieren ihrerseits diese Kraft haben, zeigen und weitergeben.

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  2. Anna, das hast du jetzt echt ganz toll gesagt. Vielen Dank! Ich freue mich sehr, sehr.
    Schön, dass du nicht nichts gesagt hast, und auch mein Dank geht an Addi, die sich bei unserer Begegnung in bemerkenswerter Weise einfach darauf eingelassen hat, was so passiert, und die mich auch einfach sehr beeindruckt hat, mit allem.

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    1. Ich bin dir immer wieder dankbar, dass du mich auf diesem Wege erfahren lässt, was für tolle Menschen in dieser, unserer Stadt leben. Das kann man manchmal fast vergessen bei all der vordergeführten Oberflächlichkeit...
      Herzlichst
      Astrid

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  3. mit deinen bildern füllst du die "lücken", die worte manchmal hinterlassen, ganz gut, finde ich...

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  4. Hammer, wieder supertoll!
    Und danke für das bestimmt-6-Stunden-Fotoshooting!

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  5. Schöne Fotos! Die gefallen mir, irgendwie wegen der guten Stimmung :)

    Toller Blog übrigens! :)
    Wenn du Lust hast schau doch auch mal bei mir vorbei: wwdancer.de. Ich würde mich freuen!

    Liebe Grüße, Laura.

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  6. wundervolle post!!
    ich liebe dein blog - er ist einfach anders als andere blogs...
    tiefgründig!

    jedoch habe ich mal eine frage an dich...
    wie wählst du die menschen aus, die du ansprichst?
    denn man sieht die geschichte und den charakter eines menschen ja meistens nicht an seinem outfit oder seiner frisur.. oder?!

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  7. Habe noch nie einen Kommentar geschrieben... Aber Bilder wie Texte gefallen mir ausordentlich gut. Jörg

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  8. Jörg, dann vielen Dank für diese Premiere!

    anonym: tja, das ist so eine Sache... Es ist natürlich ein subjektives Gefühl, ein Interesse, ein Blick in die Augen... Es kann alles mögliche sein, wodurch mein Interesse geweckt wird.
    Oft sagen Menschen, ach guck mal, da der, das wär doch einer für deinen Blog, und ich finde das dann gar nicht. Und umgekehrt.
    Und sicher entgehen mir auch ganz viele tolle begegnungen, weil ich 'sie' nicht sehe. Aber wie soll ich das wissen? Wahllos ausprobieren, dazu hab ich keine Lust.
    Also vertrau ich einfach immer auf mein Gefühl und meist liege ich ganz gut damit.

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  9. Mal ganz abgesehen davon, dass ich das Video heute nicht mehr schauen möchte [aber morgen!]: Wahnsinnig tolles Outfit, das Addi an hat. Und ich habe mich quasi schon seit dem Erblicken der roten Strumpfhose auf das drittletzte Bild gefreut... :D

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  10. Rebekka, nicht wahr? :-) davon hab ich ahnfangs aber auch nicht viel gesehen, erst beim fotografieren dachte ich, oh, was hat sie denn da alles unter dem Mantel?

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  11. Die Bilder finde ich hier besonders gelungen.
    Wie schön, dass Addi die Straße wechselte und auf Dich zu kam.
    Ich mag die leuchtenden Farben in den Bildern.

    **
    Danke für die Trigger-Warnung.
    **

    Beste Grüße an Dich
    Oona


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  12. Bin beeindruckt, sehr.
    Das Video schaue ich mir morgen an, möchte nicht Verstörendes in den Träumen haben, hatte das lange genug. Und manchmal noch- es gibt eben keine Traumrüstung, keine Zäune, keine Verbotsschilder dort...
    Anerkennenden Gruß von Sonja

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    1. Es ging nicht, zu viele Trigger für mich.

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    2. Hast du es etwa nun doch abends probiert? ich kann das verstehen, dass man sich entscheidet, es nicht zu gucken. ich habe darüber auch mit Addi geredet, die meinte, dass einige Menschen schroff oder brüsk reagiert haben.
      Auch das kann ich verstehen, angesichts der drastischen Darstellungsformen. Andererseits habe ich auch einen Teil in mir, der genau darüber froh ist, über diese unverblümte Deutlichkeit.
      Es ist natürlich auch eine Frage der Dosis, vor allem der persönlichen. Deshalb auch die ausdrückliche Triggerwarnung.
      Danke für deinen Kommentar.

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  13. Wunderbares Portrait mit wunderschönen Bildern.

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  14. Hallo, vielleicht interessiert es Dich:
    http://fragenbeantworten.blog.de/2011/09/16/madonna-fortuna-11861095/

    Viele Grüße,
    Videbitis/Monstro

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  15. was für eine tolle, starke Frau- die Addi!
    Danke für Wort und Bild
    Ursi

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