Sonntag, 16. Juni 2013

...nie nach Arbeit anfühlen


Im Supermarkt meiner Wahl steht zwischen Dosenbohnen und Tütensuppen ein kleines, schrummeliges Radio. Höchst zentral auf einem Regal positioniert befindet sich das alte Gerät quasi im Epi-Zentrum der Fertig­gerichte und versprüht seinen eigentüm­lichen Tante-Emma-Charme. Gestern durf­te die samstägliche Kundschaft zu Pop­Musik die Körbe füllen. Als ich dem Radio nahe kam lief gerade Gotye, und vorm Regal befand sich gerade Jessie; mit wie­genden Bewegungen und  augenscheinlich ohne Kaufabsicht hat sie versonnen  die Aus­lage betrachtet und leise ganz für sich alleine mitgesungen.
At the supermarket of my choice there's an old radio placed among tinned beans and packet soups. Quite centrally positioned on the top of the food shelf it somehow describes the epicentre of the ready meal section and radiates it's special mom-and-pop-shop charm. Yesterday customers were invited to fill their baskets to the strains of pop-music. When I came closer to the radio-shelf it was playing Gotye and in front of it I saw Jessie: with swaying hips and obviously with no intention to buy anything she contemplated the display and gently sang along.



Ich werde oft gefragt, ob es mich viel Mut kostet all die fremden Menschen anzu­sprechen. Meine aktuelle Antwort darauf lautet: Meistens nein, gestern ja.
Nach viel Arbeit und wenig Schlaf war ich seltsam filigran gestimmt. Außerdem war Jessie nicht allein sondern zu sechst, alle sprachen englisch und mindestens meiner eigenen hastigen Einkaufsroutine hat das entspannte Grüppchen ganz unbeabsichtigt den Spiegel vorgehalten.

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People often ask me whether it takes a lot of courage to approach all those strangers for my blog. My latest answer is: mostly no, this time yes.
After working until late at night and a short sleep I felt a bit delicate. Additionally Jessie wasn't on her own but accompanied by five others, all of them were speaking english and  besides the small easy-going group held up the mirror at least to my own hastily daily shopping routine.
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Auf der Strasse vor dem Supermarkt warte ich auf Jessie, so fällt es mir leichter sie anzusprechen. Als ich sie fotografiere stellt sie sich frontal vor meine Kamera und guckt ganz unverkrampft direkt hinein. Ich bin verblüfft und das sage ich ihr auch: trotz Kamera stellt sie nicht das Atmen ein, sie wirkt präsent und zentriert. „Oh, danke!“ sagt sie erfreut. „Das ist ein Kompliment!“

Jessie ist aus Perth in Australien und auch sie hatte eine kurze Nacht. Jessie ist Sängerin und tourt gerade mit Adam Hall and the Velvet Playboys – ebenfalls aus Perth – durch Europa. Am Freitag waren sie in Berlin im Ballhaus, gestern abend dann in Köln zu Gast und heute sind sie schon wieder auf dem Weg: nach Biarritz.
Ich frage Jessie nach dem Gig in Köln: eingeladen wurden sie von Hopspot, einer Lindy Hop-Tanzschule und irgendwie ist irgendwo Open-air Lindy Hop Festival. So ganz genau weiß Jessie es auch nicht, aber das macht sie nicht nervös: „Wir sind so viel unterwegs im Moment und ich habe gelernt, dass sich die meisten Fragen klären, wenn es soweit ist.“
In front of the market, on the street, I waited for Jessie. It seemed to be more easy to approach her there. When I shot her she stood head-on in front of my camera, looking directly and relaxed. I was stunned and I told her about it: in the face of the camera she didn't stop breathing, she seemed to be on the spot and well centered. „Oh, thank you!“ she said, obviously pleased. „That's a compliment.“

Jessie is from Perth in Australia, and she as well has had a short night. Jessie is a singer and currently she's on a tour through Europe with the band Adam Hall and the Velvet Playboys, also from Perth. On Friday they played at the Ballhaus in Berlin, yesterday they were invited to Cologne and today they're on their way again: to Biarriz.
I ask Jessie about their gig in Cologne: they were invited by Hopspot, a Lindy Hop dancing-school and somewhere there's some kind of an open-air Lindy Hop festival. Jessie doesn't know too much about what's going to happen, but that's okay for her: „Since we're on the road I realized that most of the questions get answered when the time has come.“


Überhaupt ist für eine Tour, wie Jessie sie gerade macht, Flexibilität und Offenheit vonnöten. Denn natürlich wird die Band nicht in chicen Hotelzimmern unterge­bracht, sondern eben da, wo es gerade passt. In Köln wohnen sie bei Freunden. Mit zwei Jungs von der Band teilt sich Jessie das Zimmer des heranwachsenden Sohnes und wirkt nur auf den ersten schnellen Blick etwas deplaziert neben den silbernen Tischtennis-Trophäen.
Generally, for a tour like Jessie currently does, flexibility and openness are usefull skills. Of course the band doesn't get accommodated in comfortable hotels, but rather as occasion arises. In Cologne they stay at a friends house and Jessie shares a room with Mark and Adam from the band. It's the room of the friends son and just for the first moment Jessie seems to be completely misplaced among all the price cups.



In Australien hat Jessie neben dem Singen noch einen weiteren Beruf: sie arbeitet als Projektmanagerin für eine staatliche Be­hörde. Der Wechsel zwischen den Welten gefällt ihr, und ihr Job lässt ihr genug Raum für anderes: „Ich arbeite nur fünf oder sechs Stunden am Tag, und es gibt noch so viele andere Sachen, die ich machen kann.“ In Australien scheinen die Behörden etwas anders zu ticken als in Deutschland: wenn Jessie krank ist oder Urlaub macht bekommt sie kein Geld: „Dafür kann ich aber auch einfach für zwei Monate frei nehmen, so wie jetzt. Das ist keine große Sache.“
In Australia Jessie also works in another profession: she's employed at the government as a project manager. Jessie likes to switch the worlds and beside her job she has enough time left : „I just work for five or six hours a day and so there are still so many other things I can do.“ In Australia the authorities are different from those in Germany: when Jessie gets ill or if she's on vacation she won't get payed. „But I can take two months off, that's not a big deal.“ 



Wenn ihre Tour durch Europa beendet ist machen Jessie und die Band noch etwas Urlaub. Am 1. August geht's dann zurück nach Australien. Ich frage Jessie was sie sich für ihr Leben wünscht oder wie ihr Leben sein soll: „Oh, es gibt etwas worüber ich nachdenke: ich möchte gerne, dass sich die Sachen die ich mache nie nach Arbeit anfühlen. Dass ich alles was ich mache gerne mache, dass es zu mir gehört und ein Teil von mir ist.“
When their tour through Europe is over Jessie and the band will take a vacation and on the first of August they'll go back to Australia. I ask Jessie if there's anything she wishes for in life, or how she'd like her life to be: „Yes, there's a thing, actually. I wish that the things I do will never feel like work, that I like all these things and that they are a part of me.“

Kommentare:

  1. Eine Schönheit! Cool und warm zugleich - so sieht sie aus - und die Fotos sind wieder sehr gut.
    Ich wünsche Dir einen guten Abend!
    Jan

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  2. Zumindest im Vergleich zu deutschen Verhältnissen oder deren Klischee wirkt Jessie selten und wohltuend entspannt, was ja auch ihre, wie ich finde, sehr begrüßenswerten Gedanken zum eigenen Tun bestätigen. Und dass man bei diesem Lied versonnen schaut und leise mitsingt, verstehe ich persönlich sehr gut!

    Die Hose passt perfekt zu Jessies Haaren und Schuhen! Ganz, ganz schöne Bilder, auch das schwarz-weiße dazwischen!

    Smilla, danke für Deine Mail! Schön, dass es schön war! Denke, ich schreibe Dir noch ein paar Zeilen später oder demnächst!

    Vorerst sei einfach von dieser Stelle aus lieb gegrüßt von

    Anna

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  3. Damit ist doch alles gesagt. Welch ein Wunsch, wirklichen Spaß und wirkliche Freude an der Arbeit oder an dem was man gerade tut und sein Brot verdient, zu haben!! Und wenn es dann so ist, das ist einfach perfekt!
    Ein sehr nette junge Frau übrigens!
    LG
    Claudia
    In Down Under ticken die Uhren wirklich anders. ;-)

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  4. wunderbare bilder, wunderbarer text!

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  5. Wie ANDERS...
    Wie an- aufregend!
    Schön!

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  6. merci, Smilla, schon lange nicht mehr so berührt von einem Porträt(von deinen Fotos und deinem Text und Jessie)gewesen. "Ich habe gelernt, dass sich die meisten Fragen klären, wenn es soweit ist". Toll!

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  7. Ich schreibe mal auf englisch, falls Jessie mitliest :-)

    She is so very beautiful - I like the colour of her hair and, even more, her freckles :-)
    I think Jan S. Kern in the first comment described her really well: cool and warm at the same moment (I hope, it sounds as well in English as it does in German :-))

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  8. Oh, was für eine wunderbare Frau scheint sie mir zu sein. Und nicht nur in ihrem Wunsch erkenne ich mich so sehr wieder.
    Ein sehr schönes kleines Portrait hast du hier erstellt! Danke!

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  9. Gern hätte ich noch andere Kleidung von ihr gesehen.
    Ich mag diese Hose.
    Wunderschöne Frau.
    Interessant, dass es in Australien so anders in den Behörden abläuft. Personaltechnisch :O)
    Ich wünsche ihr stets ein Tun, das sich leicht und begeisternd anfühlt.

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  10. Wow, Ich bin total von den Socken von dem durchstehenden aber auch kühlen Blick!

    Exzellente Bilder!

    Grüße aus Kaiserslautern

    Philipp

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  11. Mit deinen Texten kann man ein kleines Stückchen weit in einen Menschen hineinschauen, den man nie kannte ... ich danke dir :)

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  12. Smilla, dein Blog ist eine meiner größten Inspirationsquellen! Danke dafür.

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  13. Smilla, I agree with all of the above but couldn't have expressed it so well. So thanks too to all your eloquent commenters.

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