Sonntag, 24. Februar 2013

"Dreck hat auch was Ehrliches"


Benjamin habe ich an Weiberfastnacht fotografiert. Das Foto - Benjamins Blick und Ausdruck darauf - hat mich nicht mehr losgelassen, und so haben wir uns gestern noch einmal getroffen, und sind mehrere Rede-Runden durch den Kölner Stadtgarten spaziert.
"Es gibt so einiges, was ich attraktiver finde, als die Realität." sagt Benjamin, des­sen Beruf nicht zufällig mit der Erschaffung anderer, neuer, fiktiver oder künstlicher Welten zu tun hat. Er arbeitet beim Film; mal als Assistent der Außenrequisite, mal als  eigenverantwortlicher Szenenbildner.
Letzteres allerdings noch überwiegend für Low-Budget-Projekte oder Studenten-Pro­duktionen. Momentan befindet er sich in der Endphase der Vorbereitung für einen Science-Fiction Film, bei dem er neben der Ausstattung auch noch die Kostüme ent­worfen hat. "Ich kann mich bei solchen Projekten richtig austoben, ich kann üben und lerne viel dabei."
I took this photo of Benjamin at the Women's Carnival Day. Benjamins eyes and his expression have left a lasting impression on me and so I asked him for another brief encounter. Yesterday we met again at the park for a stroll and a talk.

"There are quite some things I favor over reality." Benjamin says. It's not a coincidence that he's working in a business, in which he contributes to create new, other, fictive or artificial realities. He works for the movies; sometimes as a propmaster assistant, sometimes as a production designer by himself. The latter he does mostly for low-budget-movies or students projects. Currently he's busy to prepare a science-fiction movie, for which he doesn't only developed the production design but also the costumes. "On these projects I can work very creatively, I can practice and I'm learning a lot."


Benjamin hat ursprünglich Grafikdesign studiert. Den Bezug zu phantasievollen Formen des eigenen Ausdrucks hat er seit frühester Kindheit: "Meine Mutter hatte eine Bastelschule; für Kinder und Erwach­sene. Da war ich immer dabei und das fand ich ganz toll." Aufgewachsen ist er auf einem alten Bauernhof, den seine Eltern peu à peu restauriert haben. Benjamin erzählt von einer Kindheit mit dreckigen Klamotten vom draußen spielen, er erzählt von Hunden, Hühnern und Ponys, und von Eltern die ihren eigenen Blick aufs Leben hatten. "In unserem Dorf waren wir deswe­gen auch irgendwie Außenseiter, weil wir anders waren, nicht im Schützenverein und so..." Die vermeintlich heile und saubere Welt, in der alles seine geregelte Ordnung hat, interessiert ihn auch heute noch nicht. Im Gegenteil: gäbe es nur diese eine Welt "würde ich wohl verkümmern." sagt Ben­jamin. "Dreck zum Beispiel hat auch was ehrliches, es ist nicht alles 'Plastik-glossy' auf der Welt."
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Originally Benjamin has studied graphic design. Since his early childhood he's used to work creatively and  to express in  fanciful ways: "My mother ran an arts-and crafts-school for children and adults. I've always been around and I thought it was great." Benjamin tells of a childhood with dirty clothes from playing outside, with dogs, chicken and ponys, and with parents who have had their own perception of live. "We have been kind of outsiders in our little village, for this reason. We have been different than the others, we didn't join the local rifle club and all that..." Benjamin still isn't interested in an idyllic world, in which everything is in perfect order. To the contrary: if there was nothing but this well-regulated world "I'd become stunted," Benjamin says. "Dirt is truthful, in a way. The world isn't only plastic-glossy."
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Freitag, 22. Februar 2013

People are People


Vor 2 Jahren haben Sofia und Alexander Moskau verlassen und sind nach Köln gezo­gen. Da war Sofia 68 und Alexander 70. Was sie veranlasst hat, diesen Schritt zu gehen, das will Sofia mir vielleicht einmal erzählen: "Aber das geht nicht in 2 Minuten auf der Straße." Nur soviel: damals hat sich die Möglichkeit ergeben und sie haben sie genutzt. "Für uns ist es wie ein neues Leben." Sofia ist schon immer gerne gereist und in ihrer Vorstellung vom Leben ist es gut, auch in anderen Ländern gelebt zu haben.
Die beiden sprechen kaum deutsch, aber Sofia  spricht gut englisch: "Natürlich liegt es an mir, ob ich deutsch lerne." sagt sie, und sie würde es gerne lernen. Aber sie bewegt sich in einem Umfeld, in dem sie meist mit russisch auskommt. "Ich bin zu schüchtern, hier in Kontakt mit Deutschen zu kommen." sagt sie mit einer Mischung aus Bedauern und Strenge gegen sich selbst. Nach dem mutigen Schritt Länder­grenzen hinter sich zu lassen ist es für sie nun schwierig, die letzte Distanz zu über­winden.
Two years ago Sofia and Alexander have left Moscow and moved to Cologne. Sofia was at the age of 68 and Alexander was 70 years old. By what this important step was caused Sofia will maybe tell  me one day: "But I can't do this in two minutes on the street." Just that much: back than they had the opportunity and so they took their chance. "It's like a new life for us." Sofia has always liked to travel and to her perception of live it is a worthy cause to have lived in foreign countries.
Both of them speak very little german, but Sofia speaks english fluently: "Of course it depends on me to learn german," she says, half regretful, half being strict with herself. But the context she's living in gives her the possibility to communicate almost always in russian. After the courageous step of leaving Land boundarys behind, it's difficult for her now, to overcome the last distance.



Meine Frage, worin für sie persönlich der bedeutsamste Unterschied zwischen Men­schen in Deutschland und Russland besteht, könne sie deswegen auch nicht so leicht beantworten: "Aber: Menschen sind Men­schen, überall. Sie ähneln sich in ihrem Inneren. Es sind die Umstände in denen sie leben, die die Unterschiede ausmachen. Und in Deutschland sind die Umstände vielleicht ein bisschen besser als in Russ­land."
My question, what to her mind is the most significant difference between people in Germany and people in Russia, isn't easy to answer for her, for this reason: "But: people are people. They are quite similar deep inside. Only the circumstances, they're living in, are creating differences. And in Germany the circumstances maybe are a bit better than in Russia."



Alexander und Sofia kennen sich schon seit 50 Jahren; gerade haben sie ihren 47. Hochzeitstag gefeiert. Früher hat Sofia als Lehrerin gearbeitet und Alexander war Ingenieur.
Nachdem wir die Fotos gemacht haben und uns langsam verabschieden, drücke ich noch einmal meinen Respekt für ihren Wage­mut aus, ein neues Leben in einem anderen Land zu beginnen. Unser Gespräch habe sie nachdenklich werden lassen, sagt Sofia. "Ich nehme das schon immer als normal hin, aber nun denke ich wieder darüber nach; über unsere Gründe und wie das eigentlich alles war."
Alexander and Sofia know each other since 50 years. They just have celebrated their 47th wedding anniversary. Formerly Sofia has been a teacher and Alexander has been an engineer.
After we finished taking the photos, while saying good bye, I again had to express my respect for  their valor of starting a new life in a foreign country. Sofia says that our encounter gave her food for thought: "Usually I take it as normal, yet, but now I start considering our reasons again, and how all this has been."

Dienstag, 12. Februar 2013

Vehikel


"Durch Verkleidung versucht der Mensch, sich von seinem eigenen Ich zu entfernen." schreibt Ingrid Loschek in Mode - Verführung und Notwendigkeit. (Bruck­mann 1991)
Mir drängt sich angesichts der beachtlichen Anzahl druckbetankter Narren ja häufig der Verdacht auf, es geht weniger ums Ent­fernen als ums Entrinnen. Aber das sei nur nebenbei erwähnt.
Viel inspirierender finde ich dagegen, den Gedanken Ingrid Loscheks ins Gegenteil zu verkehren; sich durch die Verkleidung also nicht vom eigenen Ich zu entfernen, son­dern sich ihm anzunähern: einem anderen möglichen Ich, einem Ich, das vom kre­ierten Selbstkonzept vielleicht in entschei­denden Punkten abweicht.
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"By disguising people try to take one step back  from the self" Ingrid Loschek writes in Fashion - Seduction and Necessity. (Bruckmann 1991)
Though, noticing a large number of drunkards during carnival, I often can't help thinking, that it's more about avoiding the self, than taking one step back from it. But this just as a sideline, for now.
To me it seems to be much more inspiring  to consider Ingrid Loscheks idea to the contrary; not to take a step back from oneself but to come a large step closer through disguise. Closer to another Self, which maybe is distinct from the self-concepted Self in decisive aspects.
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Montag, 11. Februar 2013

Vom anderen Stern


Also, dieses Jahr werden wir einfach nicht recht warm miteinander, der Karneval und ich. Dabei folge ich dennoch beinahe täglich seinem Ruf und begebe mich unverzagt auf lange Fußmärsche quer durch die Stadt. 'Jaa', denke ich, 'Heute', denke ich, 'da mach ich mal so richtig viele Fotos.' Allein; der Funke will nicht überspringen, mitten im Getümmel. Ich laufe mit der Kamera umher und statt unentwegt zu fotografieren denke ich, 'Mmh, kann man fotografieren. Muss man aber nicht.'
Well, it's not too easy for me to take to carnival this year. Though; I accept i's call almost every day, starting endless strolls throughout the city. 'Yeah' I think to myself, 'Today I'll take loads of pictures.' But: somehow I don't catch fire, there, among the partypeople. I walk around with my camera and instead of shooting pictures nonstop, I think: 'Well, I could take a picture. But there's no need to.'



Die Schuld daran (etwas in mir zwingt mich, effiziente Spurensuche nach den Gründen zu betreiben), suche ich mal im Außen, mal im Innen, sprich bei mir. Es ist - Überraschung - viel leichter zu denken "Alle doof verkleidet.", als - eher unschön - ratlos heim­zukehren und sich unzufrieden zu fragen, ob man Tomaten auf den Augen hat, oder gar verklebte Humorbahnen.
Nunja,  ein paar Fotos habe ich dann doch gemacht; da, vom meinem Stern aus, auf dem ich wohl gerade unterwegs bin.
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In some moments I blame myself, in some moments I blame the others (something inside forces me to find out the reasons). It is - surprise - much easier to say 'Oh, they're all dressed up so boring.' than coming back home, dissatisfied, wondering if I lost the ability to use my eyes, or, even worth, if I lost my sense for humor.
Well, I took at least some pictures, from the planet I obviously stay on, currently.
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Freitag, 8. Februar 2013

Selbstgemacht


"Es gibt einen Ort wie keinen anderen auf der Welt. Es heißt, um dort zu überleben, muss man verrückt sein wie ein Hut­macher." sagt der Hutmacher. Aus aktu­ellem Anlass bin ich geneigt anzunehmen, dass es sich bei diesem Ort um das karnevalistische Köln handeln muss.
Meinen imaginären Hut ziehe ich jedenfalls auch in diesem Jahr wieder vor all jenen, die dem grasierenden und bedauerlicher­weise omnipräsenten Kaufhauskarnevals­kostümterror trotzen und selbst Hand anlegen an ihre Verkleidung.  (Man sollte ja denken, Köln habe diesbezüglich einen Ruf zu verteidigen, aber gut...)
Der schönste Hutmacher, den ich gestern getroffen habe, heißt Tobias und er bastelt sich sein Kostüm jedes Jahr aufs Neue selbst zu­sammen.
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"There is a place. Like no place on Earth. A land full of wonder, mystery, and danger! Some say to survive it: You need to be as mad as a hatter." the mad hatter says. In the light of the currently started carnival season I'm about to believe, this place probably is Cologne.
So, again I raise my imaginary hat to all those who defy the out-of-the-box-carnival­costumes, which unfortunately still are ever-present, and who instead let their own individual ideas come true. (You would have thought that Cologne has to defend it's Carnival credits, but well...)
Tobias was the best styled hatter I've met yesterday and he creates his very own costume anew every year.
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Freitag, 1. Februar 2013

"... und??"


Seit September studiert Asuka für ein Jahr in Deutschland Germanistik. Ursprünglich kommt Asuka, (gesprochen übrigens 'Aska') aus Yokohoma, das irgendwie zu Tokio gehören zu scheint. Wobei es Tokio als Stadt eigentlich gar nicht wirklich gibt; eine Wissenslücke, die zu schließen ich gestern das Glück hatte. Vielmehr handelt es sich um eine Metropolregion, die aus 23 Bezirken besteht; Yokohama steht aller­dings nicht in der Liste, die ich später im Netz finde. Das ist jedoch nicht der einzige Umstand, der mir vor Augen führt, das Japan ein Land ist, von dem ich, abge­sehen von ein paar Allgemeinplätzen, nur sehr wenig weiß.
Asuka hat mich neugierig gemacht, als ich sie auf der Straße gesehen habe. Und als ich dann mit ihr gesprochen habe, hat sie es noch einmal getan: nun bin ich neugierig auf ihr Land, aus dem Asuka gerne aus­wandern möchte.
Since september Asuka studies german studies in Germany. Originally Asuka (wich is pronounced Aska, by the way) comes from Yokohama, which somehow seems to belong to Tokyo, eventhough Tokyo doesn't exist as a city itself; a knowledge gap I was happily able to fill yesterday. It's more a metropolitan area, consisting of 23 counties.
Well, I couldn't find Yokohama on the list I found later in the web, but not only this made me realize, that, besides some clichés, I don't know too much about this country.
Asuka aroused my curiosity when I first spotted her on the street. And while I was talking to her, she did it again: now I'm curious to find out more about Japan, the country Asuka wants to leave.



Asuka ist neugierig auf Europa. Es fas­ziniert sie, dass so viele Länder sich zu einer Gemeinschaft zusammenschließen. In Japan sei das undenkbar, sagt sie. Zu sehr sei die japanische Politik darauf bedacht es einerseits den Amerikanern und anderer­seits den Chinesen recht zu machen. Weil Asukas Möglichkeiten sich auf deutsch aus­zudrücken ihr selbst nicht zu genügen scheinen, untermalt sie das Gesagte gestenreich und mimt ein Japan, das ängstlich und eilfertig zugleich nach links und rechst schielt und um Bestätigung heischt. Asuka ist mit dieser Politik nicht einverstanden und wünscht sich mehr nationalen Eigensinn.
Das sei aber aussichtslos, sagt sie, die Politiker würden immer nur reden und reden. Auch das stellt sie, Ungeduld ver­mittelnd, dar. Dann sieht sie mich an und öffnet ihre Hände zu einer fragenden Geste, die die enttäuschte Antwort gleich mitliefert: "... und?" sagt sie, und es ist klar: Nichts 'Und'.
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Asuka is curious about Europe. It fascinates her that so many countries come together to form a community. In Japan this is unimaginable, she says. The japanese politicians try to satisfy the Americans on one hand and the Chinese on the other hand. For the reason that Asukas opportunities to express herself in German doesn't seem to satisfy her,  she underscores what she says by  gesticulating and miming a Japan, that both anxious and hasty glances left and right, asking for confirmation. Asuka doesn't agree with this politics and asks for more national self-will.

But wishing this is hopeless, she says, the politicians would always just keep talking.  Asuka underlines this again,  showing impatience. Then she looks at me and opens her hands to a questioning gesture which includes the answer, yet: "Well?" she asks.
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