Sonntag, 23. Juni 2013

Vom Suchen und Finden


Meine kluge Schwester, die nur ein Jahr älter ist als ich und seit den Zeiten jugendlicher Selbstermächtigung ausschließlich Schwarz trägt, hat mir einmal eine Geschichte erzählt, die ich seither so lebendig in  Erinnerung habe, als hätte ich sie selbst erlebt: Irgendwo auf der Straße kam ihr eine kleine Familie entgegen. Der Vater war ein Gruftie, genauso wie die Mutter, beide waren komplett in Schwarz gekleidet und mit den entsprechenden stilistischen Devotionalien ausgerüstet. Neben ihnen lief die kleine Tochter und ihr aller Ziel war leicht zu raten: die Einschulung stand unmittelbar bevor.  Im Arm trug das Mädchen auf diesem historischen Weg eine rosa Schultüte (in meiner Phantasie mit Tüll verziert) Auch sonst schien das Mädchen der Farbe Rosa verfallen zu sein, und so hatte sie sich konsequenterweise von Kopf bis Fuß darin gekleidet.
 
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Sonntag, 16. Juni 2013

...nie nach Arbeit anfühlen


Im Supermarkt meiner Wahl steht zwischen Dosenbohnen und Tütensuppen ein kleines, schrummeliges Radio. Höchst zentral auf einem Regal positioniert befindet sich das alte Gerät quasi im Epi-Zentrum der Fertig­gerichte und versprüht seinen eigentüm­lichen Tante-Emma-Charme. Gestern durf­te die samstägliche Kundschaft zu Pop­Musik die Körbe füllen. Als ich dem Radio nahe kam lief gerade Gotye, und vorm Regal befand sich gerade Jessie; mit wie­genden Bewegungen und  augenscheinlich ohne Kaufabsicht hat sie versonnen  die Aus­lage betrachtet und leise ganz für sich alleine mitgesungen.
At the supermarket of my choice there's an old radio placed among tinned beans and packet soups. Quite centrally positioned on the top of the food shelf it somehow describes the epicentre of the ready meal section and radiates it's special mom-and-pop-shop charm. Yesterday customers were invited to fill their baskets to the strains of pop-music. When I came closer to the radio-shelf it was playing Gotye and in front of it I saw Jessie: with swaying hips and obviously with no intention to buy anything she contemplated the display and gently sang along.



Ich werde oft gefragt, ob es mich viel Mut kostet all die fremden Menschen anzu­sprechen. Meine aktuelle Antwort darauf lautet: Meistens nein, gestern ja.
Nach viel Arbeit und wenig Schlaf war ich seltsam filigran gestimmt. Außerdem war Jessie nicht allein sondern zu sechst, alle sprachen englisch und mindestens meiner eigenen hastigen Einkaufsroutine hat das entspannte Grüppchen ganz unbeabsichtigt den Spiegel vorgehalten.

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People often ask me whether it takes a lot of courage to approach all those strangers for my blog. My latest answer is: mostly no, this time yes.
After working until late at night and a short sleep I felt a bit delicate. Additionally Jessie wasn't on her own but accompanied by five others, all of them were speaking english and  besides the small easy-going group held up the mirror at least to my own hastily daily shopping routine.
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Mittwoch, 12. Juni 2013

Dolce Vita


Wenn Sophie besondere Schuhe strickt, dann für besondere Menschen. Ganz be­sonders junge Menschen nämlich, die eben gerade erst das Licht der Welt erblickt haben. Mit den frisch gestrickten Schuhen begibt sich Sophie sodann an einen Ort, den sie besonders mag. Dort macht sie ein Foto von den neuen Schuhen für den neuen Menschen. So geschehen vor einer Weile am Petersplatz in Rom und gestern dann am Kölner Dom; Laela heißt die jüngst bestrickte Tochter einer Freundin von Sophie.
When Sophie knits special shoes, she does it for special persons. Namely very young persons, who just came into the world a very short while ago. When Sophie has finished the shoes, she vistis a place she likes best to take a photo of the new shoes for the new child. This has happened a while ago at the St. Peters Square in Rome and yesterday she took a photo in front of the Cologne Cathedral: of the shoes for Laela, Sophies friends daughter.



„Wieviel Arbeit in den Dingen steckt, das weiß man erst, wenn man es selbst einmal gemacht hat,“ sagt Sophie. Und erst dann wisse man so manches auch wirklich zu schätzen.
Für Sophie ist es von Bedeutung, Dingen, Orten oder Momenten Wertschätzung ent­gegen zu bringen: „Ich suche mir immer meine Lieblings-Dinge: Lieblings-Platz, Lieblings-Café, Lieblings-Joggingstrecke ...“ Das schafft für sie ein besonderes Gefühl und und eine besondere Verbin­dung. Zwei Jahre lang hat Sophie in Rom gelebt und dort an einer Schule unter­richtet. Zuerst hat sie am Stadtrand gewohnt, aber irgendwann ist sie mitten in die Stadt gezogen: „Und da habe ich gemerkt, wie schön es ist, einen beson­deren Schulweg zu haben.“ Jeden Morgen ist sie über den Petersplatz zu ihrer Arbeit gelaufen.
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„You first realize how much effort is necessary to create things, if you've done it yourself, “ Sophie says. And only then you can value things fully.
For Sophie it is of importance to value places, moments and things: „I always look out for my favorite place, my favorite café, my favorite jogging distance ...“ For her this creates a special feeling and a special connection. For two years Sophie has lived in Rome, where she  was working as a teacher at school. First she had an appartment outside the city, but then she moved to the centre: „And then I realized, how wonderful it is to have a special daily way to school.“ Every morning she walked across the St. Peters Square on her way to work.
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Montag, 10. Juni 2013

25 Grad


Was das Wetter angeht hat Janine eine klare Haltung: „Alles unter 25 Grad ist eine Zumutung.“ Sie liebt den Sommer, und sie liebt Sommerkleider.
Eine klare Haltung ist aber auch in Janines  beruflichem Alltag von Bedeutung: eigent­lich diplomierte Sozialarbeiterin ist sie freigestellt für den Gesamtpersonalrat der Stadt Köln. Der Personalrat ist für die öffentlichen Verwaltung, was der Betriebs­rat für kommerzielle Firmen und Unter­nehmen ist. Das ist keine leichte Arbeit; immerhin arbeiten in der Kölner Stadtver­waltung rund 17.000 Menschen.
Concerning the weather Janine has a clear position: „Anything under 25 degrees is an imposition.“ She loves summer and she loves summer-dresses.
A clear position is of importance in her daily working  routine, as well: actually she's a qualified social worker, but now she's exempted from this to apply herself completely to the work of the staff coun­cil. The staff council belongs to the public administration and is similar to employee organisations of regular companys. That's none too easy: after all there are about 17.000 people working for the city administration.


„Der Personalrat ist per Gesetz zur ver­trauensvollen Zusammenarbeit mit den Dienststellen verpflichtet.“ erklärt Janine. Grundsätzlich und auf dem Papier wird also Konsens angestrebt. Auf dem Weg dorthin, oder zumindest in die Nähe davon, werden naturgemäß allerdings kleinere und grö­ßere Scharmützel ausgefochten. Janine macht das wenig aus: „Eigentlich ist es eine schwierige Arbeit. Aber mir fällt sie nicht schwer.“ Diskussionen und Kontro­versen schrecken sie nicht, juristische und gesetzliche Texte und Möglichkeiten hat sie parat. Und dass nicht jeder ihrer Meinung ist und Auseinandersetzungen oft kontovers bleiben, damit kann sie gut leben: „Ich diskutiere gern, und ich mag es, wenn es gerecht zugeht.“
„The staff council is obliged by law to collaborate faithfully with the official departments.“ Janine explains. So basically and on paper agreement is aspired. But before this target can be attained, there are minor or major battles to be fought out. This doesn't matter too much to Janine: „Actually it's a hard work. But it's not hard for me.“ She's not frightened of conflicts and contoversies, and she knows very well the legal principles and legislative texts. She can easily stand if people don't agree with her, or if disputes remain controversial: „I like to discuss things and I like it, if justice happens.“

Dienstag, 4. Juni 2013

Fatalistisch optimistisch


Das sind die Füße von Mehmet und Fatih aus Istanbul. Ihre Gesichter möchten sie nicht zeigen und auch ihren vollständigen Namen nicht nennen, denn sie haben Angst vor Konsequenzen. Eigentlich haben sie Angst vor Tayyip Erdogan, ihrem Staats­oberhaupt. Fatih (rechts) formuliert das sehr deutlich: Erdogan habe gesagt, er werde seine Gegner finden, z.B. bei Facebook, und sie würden bekommen, was sie verdient hätten.
Mehmet und Fatih sind weder kriminell noch haben sie ein Unrecht be­gangen. Sie machen auch nicht den Eindruck, als wären sie besonders ängstlich oder was der Volksmund duck­mäu­serisch nennt. Dass sie unerkannt blei­ben wollen, ist wohl eher eine besonnene Entschei­dung; sie wägen die realen Macht­verhältnisse und die eigenen Möglichkeiten ab.
These are the feet of Mehmet and Fatih from Istanbul. They don't want their faces to be shown and they don't want to tell their full names, either. They're afraid of the consequences. Actually they're afraid of Tayyip Erdogan, their head of state. Fatih (right) explains it clearly; Erdogan announced, that he will find his resisters, on Facebook for example, and that they'll get, what they deserve.
Mehmet and Fatih are no criminals and they don't seem to be yes-persons or  the anxious type, neither. That they prefer to stay anonymous seems to be a level-headed decision; they balance the actual power relations and their own possibilites.



Vor zwei Tagen war Fatih noch Teil der protestierenden Menge am Taksim-Platz. Mehmet (links) war da schon in Köln und hat an einer Kundgebung gegen Erdogan am Dom teilgenommen. „Was in der Türkei momentan passiert ist polizeilicher Terror gegen die Bevölkerung,“ sagt Mehmet. Er sei eigentlich kein sehr politischer Mensch, aber als er  erfahren habe, dass die Polizei  friedliche Demonstranten im Gezi-Park derart brutal angegriffen hat, da habe er sich gefragt: „Was ist da los? Das geht zu weit.“
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Just two days ago Fatih was part of the demonstrators at Taksim-Square. Mehmet (left) has been in Cologne, yet, and he joined a rally against Erdogan beside the Cologne Cathedral. „What's going on in Turkey at the moment is police terrorism agains the people,“ Mehmet says. He wouldn't call himself politically, but when he heard that the police was attacking orderly demonstrators at Gezi-Park, he asked himself: „What is going on? That's going too far!“

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Samstag, 1. Juni 2013

Nächste Frage


Habe den Proust-Fragebogen für  Blogger im Zeitmagazin-Blog ausgefüllt. Der Fragebogen ist nicht neu; ich wusste also, was auf mich zukommt, als ich zugesagt habe.
Ich dachte mir, es wäre eine gute Gelegenheit meine Meinung bezüglich der Ratlosigkeit erzeugenden Dauerfragen zum Ausdruck zu bringen. So habe ich mir zum Schluß eine eigene Frage gegönnt, die da im Original-Wortlaut so zu lesen gewesen wäre:

„Eine Frage würde ich zum Schluss nun auch gern stellen: Ganz ehrlich: warum ausgerechnet immer wieder diese Fragen? Ich verstehe das nicht. Warum dem Hitparadendenken Vorschub leisten? Warum nicht ein wenig mehr zur vermeintlich unspektakulären Differenzierung einladen?“

Meine Antwort auf die Frage, wann ich die Unwahrheit schreibe ist ebenfalls gekürzt worden; die halbcoole Formulierung „nächste Frage“ stammt im Übrigen nicht aus meiner Feder. Da fällt mir das „wegatmen“ (s.o.) nun doch ein wenig schwer.

Wenn man sich die Mühe macht, und ein paar viele Fragebogen rückwärts liest, gewinnt man recht bald den Eindruck, dass so einige der Antwort gebenden mehr damit beschäftigt sind, den Fragen ironisch auszuweichen oder aber sie mit rüder Spitzfindigkeit zu kommentieren, als dass sie  interessante oder relevante Denkanstöße zu geben die Gelegenheit bekämen. Ich frage mich nach dem Sinn des Ganzen. Es handelt sich ja immerhin um ein Beiboot der ZEIT. Oder achtet die ZEIT Blogs derart gering, dass ihnen ein sinnstiftenderes Forum die Mühe nicht wert ist?