Sonntag, 14. Juli 2013

Die Achte


Als ich Mrs. Buchanan das erste Mal sehe, bin ich mir fast sicher, dass sie zu einer Reisegruppe gehört, deren Schluß sie und ein jüngerer Mann bilden. Sie sieht so grund­sätzlich zufrieden aus, dass ich sie gar zu gerne angesprochen hätte. Eine gan­ze Weile später begegne ich ihr an einer anderen Stelle wieder, und ich ahne, dass ich mich mit der Reisegruppe geirrt habe. Der jüngere Mann ist ihr Sohn: er ist 58 Jahre alt. „Und ich bin 88!“  erzählt Mrs. Buchanan vergnügt und nicht ohne Stolz. Dann stellt sie mir ausdrücklich ihren Sohn vor, der Musiker ist und sich – so mein deutlicher Eindruck – der Liebe seiner Mutter gewiss sein kann.
Fast rüde erscheint es mir, als ich versuche ihr zu sagen, was der Sohn längst bemerkt hat: dass ich eigentlich gern mehr über sie selbst erfahren möchte.
Wir gehen gemeinsam ein Stück weg von der lauten Strasse und nun erzählt Mrs. Buchanan, dass sie noch einen Sohn hat, der ebenfalls Musiker ist: „Und eine Toch­ter, die ist Künstlerin, sie malt.“
When I first saw Mrs. Buchanan, I was almost sure that she was part of a group of tourists, at which end she walked together with a younger man. She seemed so basically happy, that I immediately wanted to approach her. Quite a while later I saw her again, somewhere else, and I realized, that I probably was wrong concerning the tour group.
The younger man is her son: he is 58 years old. "And I'm 88!" Mrs. Buchanan says happily and proudly. Then she particularly introduces her son to me, who is a musician and - so my clear impression - can be absolutely certain about his mothers love.
I feel almost rude, when I try to tell her what her son already noticed; that I'd like to get to know herself a little bit better.
Together we walk a few steps away from the noisy street and now Mrs. Buchanan tells, that she has another son who is a musician, as well: "And a daughter.  She's is an artist, she paints."




Ich sage zu Mrs. Buchanan, dass sie auf mich einen äußerst wachen und positiv ge­stimmten Eindruck macht: „Ja?“ antwortet sie und überlegt: „Ja ... ich nehme viel wahr und ich beobachte gerne. Gerade habe ich im Bus neben einer Japanerin ge­sessen, die mit ihren beiden kleinen Kin­dern gereist ist. Ich habe sie zwei Stunden lang miterlebt und fand es interessant zu sehen, wie sie mit ihren Kindern umgeht. Ob sie anders ist, als eine westliche Mutter. Ich konnte ihre Sprache nicht ver­stehen, aber ich konnte sehen, wie sie miteinander in Beziehung sind.“ Das alles erzählt Mrs. Buchanan so besonnen, als würde sie die Begegnung mit geschärften Sinnen gerade noch einmal nachempfin­den.
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I say to Mrs. Buchanan, that – to me – she seems to be extremely alert and positive: "Yes?" she replies and ponders: "Yes ... I perceive a lot and I like to watch things. I've just been sitting on the bus next to a japanese woman who was travelling with her two young children. I could witness them for two hours and I found it interesting to see how they interacted, whether she was different than a western mother. I could not understand their language, but I could see how they're relationship was." Mrs. Buchanan tells all this in a very reflective way, as if she would just try to recreate the encounter with sharpened senses.


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Donnerstag, 11. Juli 2013

Werterhaltende Maßnahmen



Was man doch so alles nicht weiß, denke ich nach meiner Begegnung mit Julia.  Und frage mich zweifelnd, ob vielleicht nur ich es bin, die so wenig weiß. Mutlos schiebe ich diesen Post ein paar Tage vor mir her; nicht dass ich das frische Wissen am Ende falsch wieder­gebe, dass da auf wackeligen Beinen durch mein rehäugiges Hirn geis­tert.
Julia ist Restauratorin. Als ich sie an­spreche kommt sie gerade von der Arbeit; sie ist müde und kaputt, denn sie hat den ganzen Tag in der Sonne an einer inner­städtischen Außenskulptur gearbeitet, von der ich natürlich noch nie gehört habe.

Restaurateurin ... wiederhole ich Julia, aber das ist falsch; es heißt Restauratorin. Das rudimentäre, mit diesem Beruf verknüpfte Bild in meinem Kopf entstammt vage dem Film „Wenn die Gondeln Trauer tragen“; eine leere, kühle Kirche, ernste, ruhige Ein­zelgängerarbeiter in fleckiger, gleich­wohl stilvoller Kleidung drinnen, mit Auge, Geist und Pinsel nur eine Nasenspitze vom Deckenfresko entfernt, während draußen  das städtische Leben hastig weiter tobt; unberührt vom Bemühen, die Zeit zu kon­servieren.



„Ja, manchmal ist man sehr mit sich allein beim arbeiten,“ sagt Julia. „Ich mag das.“ Aber natürlich ist meine Vorstellung lückenhaft: es ist keineswegs so, dass der gemeine Restaurator mit seinem stan­dardisierten Arbeitsköfferchen loswackelt und mal eben schnell antike Kunstwerke rettet. Viel Wissen und Analyse ist erfor­derlich um diese Arbeit zu machen: um Werkstoffe, Materialien, Geschichte und Kunst. Und von großer Bedeutung ist, den Geist, die Aussage, den Inhalt des künstlerischen Werkes zu erfassen, um seine Lesbarkeit erhalten oder wieder her­stellen zu können, ohne es zu verändern, ein­zugreifen, etwas hinzuzufügen.


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Sonntag, 7. Juli 2013

Dasein


Heute habe ich es tatsächlich mal zur CSD-Parade geschafft, die jedes Jahr am ersten Juli-Wochenende durch Köln zieht. Auch wenn ich  ich das Prinzip festlicher Umzüge wohl nie so ganz verstehen werde; da laufen und fahren also allerlei organi­sierte Zugteilnehmer durch zuschauer­beflankte Straßen. Gemäß meiner Phan­tasie müsste der Zug lärmend und tanzend durch die Menge toben, die, derartig ausgelassener Stimmung ausgesetzt, nicht anders kann, als tüchtig mitzumachen.
Aber irgendwie sieht es in der Realität dann doch immer ein bisschen profaner aus. Mit erstaunlich ernsten Gesichtern laufen er­staunlich viele Teilnehmer erstaunlich routiniert ihren Weg ab. Und das Publikum links und rechts guckt und wartet und überrascht auch nicht gerade mit unvorhergesehenen Stimmungsaus­brüchen.
Today I finally made it to the Cologne Pride, which is taking place in Cologne every year at the first weekend of july. Although; I guess I'll never really under­stand the principle of festive parades: a lot of well organised participants walk the streets, and a big audience is waiting for them on both sides of the street. According to my imagination the procession should dance and party boisterously through the audience, which, confronted with an atmosphere like this, would join the club, not missing a beat.
But coming back down to earth it looks much more ordinary. With an amazingly severe look, or sometimes even a poker-face, many contributors walk their way, seemingly almost bored. And the audience to the right and the left wouldn't afford unexpected surprises concerning the party atmosphere.



Vielleicht geht es aber auch um etwas ganz anderes, als puren Frohsinn zu zelebrieren; nämlich sich zu zeigen – und zwar der Welt. Um damit die simple Tatsache des Daseins sichtbar zu machen, die hinter dem diesjährigen Motto der Cologne Pride steht, das da lautet: „Wir sind. So oder so.“
In der Erklärung der Veranstalter liest sich das so: „Man kann uns nicht einfach wegdiskutieren oder -denken. Es gab uns schon immer und wird uns auch in Zukunft geben. Wir sind Teil einer vielfältigen Gesellschaft und haben als solcher ein Recht auf Gleichstellung und Akzeptanz.“

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But maybe the whole thing is about something completely different than just celebrating good times; to show oneself – namely to the world. To point out the simple fact of existence, which is the idea behind this years motto of the Cologne Pride, which is: „We are. Any way“.
In their statement the organizers put it like this: „One cannot simply make us go away. We have always been here and we will also be here in the future. We are part of a diverse society and as such have the right to equality and acceptance.“ 



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Samstag, 6. Juli 2013

Adressat unbekannt


Frau R. ist nicht oft nicht in Köln: „Nur so alle zwei oder drei Monate mal.“ Dabei lebt sie gar nicht weit entfernt im Bergischen Land, und Köln ist die Stadt ihrer Kindheit. Bei jedem ihrer Kölnbe­suche befällt sie eine leichte Traurigkeit: „Die Stadt hat sich verändert –  und nicht zum Guten.“ Was Frau R. stört ist die Lieblosigkeit im öffentlichen Raum: „Was ist das für ein Brunnen? Weiß ich nicht, ach, da kann ich mein Papier reinwerfen.“ improvisiert sie mögliche Gedankengänge ihrer Mitmenschen. Wie zum Beweis steht neben uns am Boden ein verlassener Eis­becher, eine zerdrückter Tetra-Pak liegt herum, sowie allerlei anderer Müll.
Mrs. R. isn't often in Cologne: „Just every two or three months.“ Though, she doesn't live far away at the countryside and Cologne is the town of her childhood. Every time she vistis Cologne she affected by a slight sadness: „The town has changed – and not to the good.“ What Mrs R. disturbs is the lack of affection to the public room, she witnesses: „What kind of fountain is this? I don't know,  oh, there I can get rid of my rubbish,“ she spins out possible trains of thought of people. As if to proof her words there's a left ice cream tub next to us on the floor,  a mashed Tetra pak, as well as some other waste.


Auch der Umgang der Menschen unterein­ander habe lieblose Züge und es herrsche bisweilen ein rüder Umgangston. „Da wird man angepöbelt und keiner interessiert sich für den anderen.“ In der Bahn wundert sich Frau R. über all die Menschen, die wie besessen auf ihren Smart-Phones herum­drücken und darüber  „ ... über was für Belanglosigkeiten so gesprochen wird.“
„Ich kann nicht sagen, wie es in anderen Großstädten ist, da bin ich zu selten.“ Aber das Köln, das Frau R. als junge Frau erlebt und geliebt hat findet sie im heutigen Köln kaum mehr wieder.
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Mrs R also mentions that she often notices, that people also interact in an unkind and rude way: „You get accosted and people aren't interested in each other.“ When she's on the train she's often astonished about all the people obsessively typing and swiping on their mobiles and about „ ... all the trivialities people are talking about.“
„I can't tell how it is in other big cities, I'm rarely there.“ But it's a different Cologne Mrs. R. visits in these days; it's hard for her to recognize the city she has lived in as a young woman.

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