Mittwoch, 12. November 2014

Lesen mit Frau Schmitt



(M)eine Art Buchbesprechung

»Als wir klein waren, haben wir dauernd gewunken. Für Fotos oder der Oma oder einfach so. Nachdem wir erstmal kapiert hatten wie es geht, haben wir es dauernd ausprobiert, auch bei fremden Leuten im Supermarkt. Wir wollten Beachtung und Zuwendung und mit dem Winken bekamen wir das sofort. Jetzt sind wir erwachsen und wollen immer noch Beachtung und Zuwendung, aber wir winken deswegen nicht mehr.«

Auch so ein schöner Absatz, den Heidi Schmitt in ihr Buch hineingeschrieben hat.

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Montag, 10. November 2014

Aus dem Leben genommen



Vor einer Woche, am Dia de los Muertos - dem mexikanischen Tag der Toten - ist eine friedliche Prozession durch Köln-Ehrenfeld gezogen und zufällig bin ich in sie hineingeraten. Eine bunt gemischte Gruppe war da leise, aber präsent auf dem Weg: Frauen mit traditionell geschminkten Gesichtern, Musiker, Mexikaner, Deutsche. Manche in kleinen Gruppen, manche für sich allein.

Ich stehe eine Weile am Straßenrand und sehe zu, wie der Zug vorüberzieht.  Etwas lässt mich beirrt und berührt innehalten: viele Menschen im Zug halten Blätter in die Höhe. Darauf zu sehen sind schwarz-weiss Fotos junger Männer und natürlich handelt es sich um Fotos der 43 vermissten Studenten aus Mexiko. Ich frage mich, ob inzwischen klar ist, dass sie nicht mehr am Leben sind - dies ist doch der Tag, der den Toten gewidmet ist.

Gretell ist Mexikanerin und lebt in  Deutschland. Sie ist Elektroanlageningenieurin in der Automobilbranche. „Lebend habt ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück!“ übersetzt sie die Forderung, die den Fotos beigefügt ist.
Ob die Studenten sich nicht möglicherweise verloren gegeben fühlen, wenn ihre Fotos am Dias de los Muertes durch die Strassen getragen werden, frage ich. „Nein, “ sagt sie bestimmt. Gretell glaubt, dass die Studenten noch am Leben sind. „Viele glauben das.“
Gretell erklärt mir, dass der Tod in Mexiko eine andere Bedeutung hat als in Deutschland. Natürlich trauere man um Verstorbene, trotzdem sei der Tod an sich nichts Schlimmes. „Aber Mord ist schlimm!“ sagt sie.

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Freitag, 17. Oktober 2014

Radebrechen in Tophane



Wenn Mehmet Ali sich auf seinem Hocker ein wenig nach vorne beugt, dann kann er das Haus sehen, in dem er zur Welt gekommen ist. Der Hocker steht in der hinteren Ecke seines kleinen Obst- und Gemüseladens, sein Geburtshaus befindet sich schräg gegenüber. Es ist ein mehrgeschossiges Wohnhaus, mit Giebeln und Erkern. Groß, stolz und doch wie nebenbei steht es da, im Herzen von Tophane - bestimmt schon 100 Jahre lang.

Seit 50 Jahren verkauft Mehmet Ali in dem kleinen Eckgeschäft Obst und Gemüse. Eigentlich ist es gar kein richtiger Laden - mit eigenen Wänden und einer Tür. Es ist eher eine Art Kiosk, oder ein etwas komfortablerer Stand. Es war eben noch eine Ecke frei in dem zusammengewürfelten Häuserblock, und irgendjemand hatte die Idee, dort einen Verkaufsraum hinzubauen. Vielleicht war es Mehmet Ali selbst. Ich kann ihn leider nicht fragen, denn wieder mal sitze ich in Istanbul bei einem Menschen, dessen Sprache ich nicht spreche. Wir verständigen uns also in Zeichensprache, ich male auch schon mal was auf ein Stück Papier, und Mehmet Ali versucht es mit der Wiederholungstaktik. Bestimmte Sätze sagt er einfach mehrfach hintereinander, in gebührender Lautstärke. Hin und wieder legt er seine Hand auf meinen Arm, als könne er so seine Fähigkeit türkisch zu sprechen auf mich übertragen.
Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Sonntag, 12. Oktober 2014

Viel Freundlichkeit


Abendliches In-den-Bosporus-springen in Üsküdar

„Wie ist es denn in Istanbul?“ wurde ich neulich von jemandem gefragt, der noch nie dort war. „Viel Freundlichkeit“ lautete meine Antwort, die mir ohne langes Überlegen aus dem Mund gefallen ist. Das mag sich als Dialog holprig lesen, stimmt aber.
Ganz ohne Formalitäten hat offenbar eine Art verbaler Autopilot die Antwort meinem inneren Empfindungsschrank entnommen und ausgegeben, so dass ich selbst überrascht war, sie zu hören.
Istanbul zu beschreiben ist nämlich gar nicht so leicht. Je länger ich überlege, desto unmöglicher erscheint mir ein Versuch. So viel wäre zu erwähnen und zu berichten und beinahe alles was Istanbul auszumachen scheint, wäre um einen jeweiligen Gegensatz zu ergänzen, der ebenso wahr und spürbar ist.
Und: gerade drei Mal habe ich diese Stadt inzwischen besucht. Wie gut also kenne ich Istanbul überhaupt, muss ich mich fragen.


Blick von der Galata-Brücke Richtung Goldenes Horn

Viel Freundlichkeit - mit dieser Aussage an der Hand gehe ich nun immer wieder mal forschend auf Istanbul-Erinnerungs-Reise. Konkrete Erlebnisse fallen mir ein: Menschen, die mir geholfen haben, zahllose Gesten der Höflichkeit, oder wie ich bei meiner ersten Reise nach Istanbul während des Ramadan einen Trupp Bauarbeiter beim abendlichen Fasten-Brechen fotografiert habe und direkt von Ihnen zum Essen eingeladen wurde.
Aber auch vage Erinnerungen an Streifzüge durch fremdartige Stadtteile, an Nachmittage auf der Fähre oder einen Abend am Bosporus trage ich in mir. Viel Freundlichkeit - davon sind auch diese Erinnerungen geprägt.
Die Freundlichkeit in Istanbul hat viele Gesichter: mal zeigt sie sich mit einem Lächeln, mal mit sich wiegender Melancholie. Mal ist sie neugierig, verspielt oder wohlwollend, mal wirkt sie weise, mal ist sie in Sorge und mal will sie beschützen.

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Samstag, 11. Oktober 2014

Ein Zimmer ohne Wände



Den Raum anderer betritt man mitunter ohne es recht zu bemerken. Auf einem kleinen Absatz inmitten einer der zahlreichen steilen Treppenstraßen Istanbuls, irgendwo zwischen oben und unten, spricht mich ein Mann aus dem Dunkel heraus an. Er spricht türkisch, und natürlich verstehe ich ihn nicht. Trotzdem weiß ich, dass er mich meint, denn sonst ist niemand da. Ich drehe mich um und begreife, dass ich ein Zimmer ohne Wände betreten habe. Ich stehe quasi schon im Türrahmen, den es natürlich nicht gibt. In Zeichensprache fordert der Mann mich auf, ein Foto von ihm zu machen. Dass ich die dunkle, menschenleere Treppe fotografiere findet er möglicherweise sinnlos. Ich weiß es nicht, denn ich spreche seine Sprache nicht und kann ihn nicht fragen. Auch sonst kann ich ihn nichts fragen und wieder einmal bedauere ich, dass ich kein Türkisch spreche. Also mache ich ein paar Fotos von dem fremden Mann, der sich darüber freut. Dann gehe ich weiter zu meinem Hotel, dass sich in seiner Stadt befindet, in der er selbst kein Zimmer hat.

Samstag, 12. Juli 2014

Typ des Jahres



„So zu sein wie ich bin, das ist zuerst einmal meine eigene Wahrheit“, so hat Conchita Wurst zur dpa gesprochen. Sie sei kein Vorbild und sie erwarte nicht, dass sich nun jeder junge Mann eine Perücke aufsetze und dazu einen Bart trage. (nachzulesen zb. bei FAZ.net)
Ein paar junge Männer haben es aber doch getan, und sogar auch eine junge Frau: beim diesjährigen CSD in Köln war Conchita Wurst zwar nicht persönlich anwesend, aber dennoch irgendwie dabei.
Vermutlich kennen die Conchita-Doubles auch ihre ganz eigene Wahrheit; für diesen Tag jedoch haben sie ein populäres Bild gewählt, um sich und ihren Standpunkt zu zeigen. Ein Bild, das - zumindest in meinen Augen - für Mut, Präsenz und Freiheit steht. Und, ja, auch für Pathos. Na und?

Natürlich ist das Bild der Conchita Wurst keinesfalls für jeden positiv besetzt. Der russische Politiker Wladimir Schirinowsky sieht die Sache gänzlich anders: „Unsere Empörung ist grenzenlos, das ist das Ende Europas“, sagte er im russischen Fernsehen.




Von der Zukunft erhoffen sich wohl die meisten Menschen, dass sie gut wird. Vielleicht sogar besser: als das Jetzt, als das Vergangene. Den Ausruf „We are unstoppable!“ den Conchita Wurst mit hochgereckter Faust in die Weiten der Eurovison-Song-Contest-Welt hinaus schallen ließ, verstehe ich als Selbstermächtigung. Als eine Ankündigung die eigene Zukunft lebenswürdig zu gestalten, dafür zu kämpfen, dass Homosexualität nicht verheimlicht werden muss.

Morgen endet die WM. Aber nach der WM ist ja vor der WM, oder so ähnlich. Jedenfalls winkt aus der Ferne schon die nächste WM herüber. Und auch die Übernächste. Beide finden in Ländern statt, in denen Homosexuelle diskriminiert werden: in Russland ist 'Homosexuellen-Propaganda' verboten, in Katar Homosexualität gleich ganz.
Für das Tabuthema Homosexualität im Fussball ist die Zukunft in Bezug auf etwaige Unstoppable-ität also durchaus als trübe zu betrachten. An dieser Stelle ist übrigens meine Empörung grenzenlos: da kann die FIFA Antidiskriminierungs-Banderolen auf dem Spielfeld ausrollen lassen wie sie will. Die nächsten 8 Jahre hat sie vorgefärbt.
Ende Juli bekommt der ehemalige Nationalspieler Thomas Hitzlsperger bei der 11 Freunde Meisterfeier in Hamburg einen Preis überreicht: in der Kategorie Typ des Jahres. Hitzlsperger hat im vergangenen Januar seine Homosexualität öffentlich gemacht. Auch ihm geht es um einen normalen Umgang mit Homosexualität; darum, sich nicht damit verstecken zu müssen.

Eigentlich ist es bitter, dass die Entscheidung, die eigene sexuelle Ausrichtung nicht länger zu verheimlichen eine öffentliche Ehrung des Fußballers nötig macht. Mit Blick auf die herrschenden Umstände aber ist es leider prima und als Zeichen von Akzeptanz und Solidarität zu werten.

Conchita Wurst ist für mich auch so ein Typ des Jahres. Beim CSD haben sich ein paar andere Conchitas mit ihr solidarisch gezeigt, oder ihr möglicherweise die Ehre erwiesen. Oder beides. Ich habe mich jedenfalls über jede Conchita gefreut.

Mehr Fotos: bitte hier entlang ...

Dienstag, 8. Juli 2014

Die Wimpern von BayBJane


BayBJane

Die Arbeit hat mich nach wie vor fest im Griff; am Sonntag hat sie mich dankenswerter Weise die diesjährige CSD-Parade in Köln miterleben lassen. Dort bin ich, wie ich allerdings erst nachträglich per mail erfahren habe, den Drag Queens BayBJane und Cybersissy begegnet, die sich kurz vor Beginn des Zuges auf einer LKW-Laderampe ausgeruht haben. Unzählige andere müssen schon vor mir um ein Foto gebeten haben, denn als sich Cybersissy mit ihrem gelb-gigantischen Kopfputz ihrem kleinen Grüppchen zuwendet und über meinen Wunsch informiert, vernehme ich deutlich ein müdes „nooochmal ...“, dass Hand in Hand mit einem wenig begeisterten Fragezeichen daherkommt. Cybersissy aber befindet mit spielerischer Beißlaune dass ich wichtig aussehe, was ich natürlich bejahe. Für mich selbst bin ich wahnsinnig wichtig. So gesehen hat sie also völlig Recht.



Tim Lienhard, hinten links, Cybersissy und BayBJane, vorne.

Der Autor, Produzent und Regisseur Tim Lienhard hat über Cybersissy und BayBJane einen Film gedreht: One Zero One. „So schief wie ich bin, ich bleib wie ich bin“, sagt Mourad Z. alias BaBJane im Trailer. Die Art wie er das sagt, sein Blick und die Musik, die im Hintergrund die Szene trägt, berühren mich auf eine wesentliche Weise. Ich bin neugierig auf den Film. Nachträglich ist es mir um so mehr eine Ehre, die drei fotografiert haben zu dürfen.
Und diese Wimpern von BayBJane ...




Weiter gehts meinem kleinen CSD Rückblick in Bildern, der quasi am Wegesrand der Arbeit entstanden ist. Hurra!
Bitte hier entlang ...

Donnerstag, 17. April 2014

Nachtspaziergang



Mindestens seit Karneval, eher schon länger, habe ich unentwegt gearbeitet. Ich will mich nicht beklagen: ich hab tolle Jobs und nette Kunden. Viel arbeiten konnte ich schon immer gut, und manch anderes dafür weglassen auch. (Im nächsten Leben konzentrier ich mich vielleicht mal auf die Pausen.)

Gestern aber hat eine strenge Stimme in mir freie Zeit gefordert. Nachdem ich die letze vorösterliche Kundengalerie hochgeladen hatte, habe ich – weil ich mich kenne – besser mal schnell das Haus verlassen. Um nicht übergangslos Liegengebliebenes anzugehen.
Den folgenden aushäusigen Feierabend-Parcours habe ich so spontan wie hilflos gestaltet. Ich war schließlich sogar im Kino, aber der Film war so dürftig, dass mir meine frischgewonnene Freizeit zu schade für ihn war. Also bin ich gegangen. Und zwar in die Nacht hinaus. Dort war es schön und ich habe ein wenig vor mich hin fotografiert. Ganz ohne Absicht. Nur zum Vergnügen.
Hier nun also die Fotos meines ersten freien Abends seit Wochen, mit denen hoffentlich das Blogschwungrad langsam wieder in Gang kommt.
Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Mittwoch, 19. März 2014

Die Verwandlung proben



Karneval ist schon lange her, ich weiß. Aber die Welt ist klein – und die Fotos von Weiberfastnacht sind plötzlich wieder ganz nah. Vorgestern habe ich nämlich eine mail bekommen: „Ich bin Rebekka, die Pantomime, die du an Altweiber am Aachener Weiher fotografiert hast.“ Rebekka schrieb, dass sie Catalina kennt, die ich vor kurzem hier vorgestellt habe. Genauer gesagt, ist Rebekka wohl Catalinas Gesangslehrerin. Sowas!

Im letzten Jahr hatte ich – ebenfalls an Weiberfastnacht und auch am Aachener Weiher – Benjamin fotografiert und später nochmal in Zivil getroffen.
Mit etwas Glück kann ich das mit Rebekka wiederholen. Ich bin neugierig, sie abseits vom Karneval zu treffen.

Und weiter gehts, bitte hier entlang ...

Dienstag, 11. März 2014

Wer keine Wohnung hat, braucht trotzdem einen Schrank



Es ist 7 Uhr morgens. Ein Mann läuft die Strasse entlang und biegt in den Weg neben dem Park ein. Er trägt zwei Bündel; eins im Arm, eins über der Schulter. Zwischen den Büschen links und den parkenden Autos rechts windet sich ein schmaler Bürgersteig mit absurder Kurvenführung. Ein stadtplanerisches Mißgeschick, kaum jemand nutzt ihn. Der Mann mit den zwei Bündeln schon. Er folgt ihm dreifach um seine sinnlosen Ecken und stoppt an einem Busch. Dort kraxelt er eine Weile herum. Für einen Moment ist er nicht mehr zu sehen.
Dann nimmt der Mann den gleichen Weg wieder zurück. Diesmal ohne Bündel. Zurück auf der großen Strasse schneuzt er sich auf den Boden, wischt die Hand an der Jacke ab und geht davon.

Einige Zeit später kommt ein anderer Mann. Er trägt nur ein Bündel: es ist ein kleiner blauer Plastiksack. Der Mann steuert ein Gebüsch an, das wenige Meter vom ersten Bündel-Busch entfernt liegt. Er wählt jedoch den Weg von der anderen Seite, über die Wiese. Es scheint ihm weniger wichtig zu sein, ob jemand ihm zusieht. Routiniert verstaut er den blauen Sack unter ein paar Ästen. Dann geht er Richtung Supermarkt. Dort steht er jeden Tag mit seinem verbeulten Pappbecher am Eingang.

Gegen Mittag erscheint ein Fußtrupp städtischer Müllmänner. Sie durchkämmen regel­mäßig die Grünanlage.  Besonders eilig haben sie es nicht. An der Mülltonne machen sie eine Rauchpause. Sie reden, aber es scheint nicht wichtig zu sein. Einer geht über die Wiese zu dem Gebüsch, unter dem der blaue Sack liegt. Er holt ihn hervor und trägt ihn zu den blauen Säcken, die die Müllmänner auf ihrem Wagen mit sich herumfahren. Der Sack aus dem Gebüsch ist kleiner und kompakter als die anderen Säcke, und er ist aus einem anderen Material. Vor allem aber hat er eine andere Bedeutung.

Die Müllmänner beenden ihre Rauchpause und ziehen samt Wagen weiter. Die beiden Bündel des ersten Mannes liegen noch da.

Sonntag, 9. März 2014

Kein Keller in Kolumbien




Vor zweieinhalb Jahren hat sich Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben einen Pullover gekauft: er war senfgelb, weich und kuschelig. Kurze Zeit später hat Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen: „Komm, Cata, schnell ...“ hatte ihr Mann eines Morgens gerufen. Dann hat er die Gardine zur Seite gezogen und da war sie: die Welt in Weiß. Und mittendrin flitzte ein Eichhörnchen durch den Schnee den Baum hinauf. „Es sah aus wie eine Postkarte,“ sagt Catalina „Ich kannte sowas nur von Postkarten. Es war unglaublich schön das zu sehen.“
Damals war Catalina 26; zum ersten Mal hat sie gespürt, wie sich Kälte anfühlt. Niemals hätte sie gedacht, dass es so kalt sein kann: minus 14 Grad.
Wie man sich bei solcher Kälte kleidet wusste Catalina nicht: „Ich habe wie immer meine Leggins angezogen. Aber das war keine gute Idee,“ sagt Catalina und lacht. „In der U-Bahn habe ich geweint, weil ich so gefroren habe.“




Im Herbst 2011 hat Catalina Kolumbien verlassen und ist nach Deutschland gekommen. Seitdem hat sie vieles zum ersten Mal erlebt, nicht nur die Kälte. Und über so manches hat sie sich gewundert: dass man Putzwasser in die Badewanne gießt, beispielsweise. Das fand Catalina anfangs richtig eklig: „In Kolumbien schüttet man das Wasser im Patio in den Abfluß.“ Oder als sie bei ihrer Schwiegermutter im Keller war und dort die vielen Lebensmittel gesehen hat: „Ich habe das gar nicht verstanden. So viel Essen. Ich dachte, sie muss sehr reich sein. Oder verrückt.“ Aber Catalina hat für ihren Integrationstest einen Geschichtskurs belegt. Und so hat sie langsam verstanden, warum die Deutschen so viel Essen im Keller lagern: „Bei uns ist das anders, alles wird frisch gekauft. Und wir haben keine Keller in Kolumbien.“

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Sonntag, 16. Februar 2014

Erste Schritte in den Himmel


Herkuleshochhaus. Blick vom Plateau des Feuertreppenhauses

Langsam aber kontinuierlich nimmt mein Projekt „Herkuleshochhaus“ Formen an. Heute habe ich das 27. Stockwerk erklommen und es war im wahrsten Sinne des Wortes erhebend. Meiner Begeisterung über den Ausblick konnte ich dank eines verstehenden Gastgebers ungehemmt Ausdruck verleihen. Kraftausdrücke und Ausrufe wie „Boah“ und „Ah ... Oh“ habe ich mich wiederholt sagen hören, während der Wohnungseigentümer, den ich im 27. Stockwerk besuchen durfte, mich mit gelassenem Wohlwollen und wissend nickend hat gewähren lassen. Schließlich hatte auch er die Wohnung bei seiner Suche nach einem neuen Zuhause nur aus Neugier angesehen, weil er dachte, es wäre eine gute Gelegenheit, mal von so weit oben einen Blick auf Köln zu werfen. Ernsthaft in Betracht gezogen hatte er sie  zunächst nicht.
Die Begeisterung über den Ausblick und auch die zur Gewissheit werdende Vermutung, einen Rückzugsort zu finden, der die gewünschte Ruhe verspricht,  hat ihn schließlich bewogen, die kleine Eck-Wohnung mit Blick in zwei Himmelsrichtungen zu mieten.

Die Geschichten und Erlebnisse, die ich in den nächsten Wochen und Monaten hoffentlich das Glück haben werde notieren zu können, werde ich gesammelt veröffentlichen. Das wird sicherlich noch dauern. Womöglich auch recht lange.

Bis dahin freue ich mich über jeden Kontakt zu Bewohnern des Hauses, der mir vermittelt oder erleichtert wird.

Mittwoch, 12. Februar 2014

Discover the „I" in GIRL



Manche Erlebnisse haben ein langes Echo. Oder anders formuliert, sie hinterlassen einen bleibenden Abdruck auf der inneren Landkarte des eigenen Lebens. Im Laufe der Jahre sammeln sich mehr und mehr solcher, manchmal sehr deutlicher Abdrücke, denen oftmals starke Eindrücke vorangegangen sind. Und manchmal verbinden und verweben sich diese Abdrücke miteinander, möglicherweise weil sie durch Erfahrungen ganz gegensätzlicher Art entstanden sind. Sodass etwas Neues aus ihnen erwächst: eine Idee vielleicht, ein Verständnis oder der Wunsch, die erlebten Gegensätzlichkeiten nicht reglos hinzu­nehmen, auch wenn sie nicht aufzulösen sind.

Auf Sonjas innerer Landkarte ist ein solch deutlicher Abdruck vor gut 15 Jahren entstanden. Da war sie zum ersten Mal in Indien, um ihre Schwester zu besuchen, die mit behinderten Kindern im Süden des Landes gearbeitet hat. Wie viele Menschen, die aus westlichen Ländern das erste Mal nach Indien reisen, war auch Sonja zunächst überfordert: von den Umständen in denen die meisten Inder leben, vom indischen Alltag, von den hygienischen Gegebenheiten, von Indien an sich. Es war keine Liebe auf den ersten Blick.
Besonders erschüttert hat Sonja die Situation der Kinder, die sie durch die Arbeit ihrer Schwester kennengelernt hat. In deprimierend armen Verhältnissen wurden diese Kinder unterrichtet. Aber nicht etwa in einer Schule, sondern in einem Hospiz, Tür an Tür mit Menschen, die an Lepra erkrankt waren und dem Tod entgegensahen.





Ein anderer deutlicher Abdruck auf der eigenen inneren Landkarte, der gegensätzlicher kaum sein könnte, ist die Geburt von Sonjas erster Tochter vor 12 Jahren.
Einige Jahre später hat Sonja ein weiteres Kind zur Welt gebracht und vor 3 Jahren hat sie ihr drittes Kind bekommen. Für ihre drei Kinder empfindet Sonja eine tiefe Liebe. Aber sie empfindet auch eine tiefe Dankbarkeit; dafür, dass alle gesund sind, dass es allen gut geht, dass sie in Sicherheit leben und aufwachsen können.
„Natürlich könnte ich mich jetzt einfach hier hinsetzen und mich freuen, meinen Kindern zusehen und alles wäre schön“, sagt Sonja. Aber genau das kann sie nicht. Sie kann es nicht, weil da noch der andere Abdruck ist; das Wissen um die Ungleichheit, die Erinnerung an die Armut und Hoffnungslosigkeit von Kindern in anderen Teilen der Welt. Ihr Glück, sagt Sonja, möchte sie gern teilen, sie möchte etwas davon zurückgeben.
Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Montag, 10. Februar 2014

Fünf auf einen Streich



Es gibt ein paar Neuigkeiten zu berichten, und die fasse ich ganz effizient hier mal alle zusammen. Los gehts:

* In der Samstagsausgabe der Rhein Main Presse vom 25.1. gab es einen, wie ich finde, sehr schönen Artikel von Ute Strunk über mich, meinen Blog und meine Arbeit. Hier gehts zur Onlineversion, (leider ohne Fotos.)

* Außerdem habe ich einen Zweitblog gestartet; was es damit auf sich hat steht im gleichnamigen Eröffnungspost: hintergrundrauschen.

Auch wenn es naiv erscheinen mag, so bin ich zuversichtlich, dass ich hier wie da genügend Zeit zum Schreiben finden werde. Obwohl das Schreiben mir gerade in den letzten Wochen eher schwer fällt. Ich scheitere wieder und wieder am eigenen Anspruch und weiß, es ist die Leichtigkeit, der ich eine bessere Gastgeberin sein muss. (... ach, möchte, ich meine natürlich möchte ... )

* Seit einer Woche gibt es hier im Blog nun einen Flattr Button. Es ist ein Versuch. Wiederholt habe ich nämlich beim hochgeschätzten Herrn Buddenbohm von seinen Reiseunternehmungen gelesen, in die er seine Flattr-Zuwendungen einfließen lässt. Ich denke, bei mir wird es wohl auf eine beförderungsfreie Tageswanderung hinauslaufen, denn der Zähler steht nach wie vor auf Null. Und ehrlicherweise flattre ich selbst erst, seitdem ich diesen Button hab.

* So, dann habe ich mir ( warum, habe ich vergessen) zum allerersten Mal ein Ticket für die re:publica gekauft. Das war im letzten Jahr; es handelt sich um ein Early Bird Ticket. Dem frühen Vogel ist nun natürlich etwas dazwischen gekommen. Im Mai werde ich also nicht in Berlin sein können. Ich werfe es hiermit wieder auf den Markt. (re:publica & Media Convention Combined Standard)

* Und dann fand ich im mail-Postfach heute die Nachricht, dass ich im Rahmen des von der Featurette ausgerufenen Jahres der Bloggerin, nun ebendiese der Woche bin. Wer es noch nicht kennt: die Featurette ist ein Webmagazin, das „Frauen im Netz sichtbarer machen und gute Webinhalte stärker herausstreichen“ möchte. Allerlei interessante Blogautorinnen sind dort versammelt, deren aktuelle Beiträge stets verlinkt werden.

Und zum Schluss noch ein leichtes, also ein Leichtigkeits- Lied.




Dienstag, 28. Januar 2014

100 Jahre Leben



Heute wird Frau E. einhundert Jahre alt. Mit einer Mischung aus Skepsis und Freude hat sie bei meinem gestrigen Besuch gesagt, in ihren Augen sei das keine besondere Leistung. Auf die Welt zu kommen, das sei die wahre Leistung.
„Etwas in mir ist noch zu gesund zum sterben“, sagt Frau E., die sich viele Gedanken über den Tod macht, und das habe ich sie schon manchmal sagen hören. Dabei hebt sie wie bedauernd die Augenbrauen und die Schultern und lächelt mit müder Akzeptanz im Blick.

Ich habe Frau E. gestern nach einer langen Weile wiedergesehen. 2012 habe ich sie sehr häufig besucht, 2013 habe ich sie sehr vernachlässigt. Ich empfinde das als unverzeihlich.

Es fällt mir nicht leicht, über Frau E. zu schreiben. Trotz meiner Treulosigkeit im vergangenen Jahr verbindet uns etwas sehr Besonderes. Der Weg zwischen uns ist kurz, nach wie vor. Frau E. besitzt einen regen Geist, der niemals zur Ruhe zu kommen scheint. Immer ist sie interessiert, innerlich mit etwas beschäftigt, und ihre Gedanken teilt sie in wohlformulierten Worten gerne mit. Wir haben viel geredet und auch ein bisschen was miteinander erlebt. Deswegen müsste ich nun alles schreiben, oder gar nichts.
Für alles brauche ich noch Zeit. Ihren einhundertsten Geburtstag gar nicht zu erwähnen würde aber dem besonderen Anlass nicht gerecht werden.

Frau E. ist immer gerne gegangen. Das hat sie mir erzählt. Auch als hochbetagte Dame hat sie ihren Rollator stets flott voran geschoben. Das habe ich erlebt. Inzwischen sitzt sie im Rollstuhl, den sie als Gefängnis empfindet. Frau E. hat ihr persönliches Jahrhundert durchschritten, und mir scheint, dass all diese Schritte im Innen und im Außen ihren wachen Geist beschreiben, der nicht bereit ist, stehenzubleiben

Liebe Frau E., ich weiß, dass Sie selbst dem heutigen Tag mit gemischten Gefühlen begegnen. Ich aber möchte mich bedanken für Ihre einhundert Jahre Leben, und ich feiere Sie dafür. Im Herzen.




Montag, 27. Januar 2014

31 Stockwerke



In Köln Ehrenfeld steht ein Hochhaus – das Herkuleshochhaus. Es ist eines der höchsten Gebäude der Stadt, und es dürfte in Köln kaum jemanden geben, der es nicht kennt. Von weitem wirkt seine Fassade, als wäre sie bunt gekachelt, und sie passt somit eigentlich ganz gut nach Köln, denn viele Hausfassaden sind hier gekachelt. Das ist selten wirklich schön, aber insgesamt ist es ein vertrauter Anblick in dieser Stadt. Das Herkuleshochhaus hat durch seine Fassade, sowie durch seine für Köln eher ungewöhnliche Höhe sogar einen gewissen Kultstatus erlangt. Es schmückt Postkarten, Frühstücksbrettchen und mit Fotomotiven bezogene mdf-Platten einer modernen Szene, die  eine inzwischen etablierte Form des Lokal– bzw. Regionalpatriotismus abbildet. Dennoch hat das bunte Haus, das auch Papageienhaus genannt wird, nicht den allerbesten Ruf. Vage Gerüchte machen ebenso vage die Runde; um den Zustand des Hauses und den der Wohnungen, und um deren Bewohner. Von Drogen, Kakerlaken, „nur Ausländern“ und Polizei ist die Rede, von Suizidanten, die sich am Pförtner vorbei ins Haus hineinschleichen, weil es hoch genug ist um herunterzuspringen. 




Neulich habe ich zufällig gelesen, dass im Herkuleshochhaus rund tausend Menschen leben. Das ist eine beachtliche Zahl, die ich seitdem versuche mir vorzustellen.

Von weitem sieht das Haus vor allem groß aus. Das ist es auch: 102 Meter ragt es in die Höhe, 31 Stockwerke versammeln sich darin. In China würde man erst seit 2 Metern überhaupt von einem Hochhaus sprechen, in Köln gilt ein anderer Standard. Wenn man sich dem Haus nähert, wird es plötzlich seltsam klein. Je näher man kommt, desto weniger raumgreifend wirkt der Bau, denn plötzlich befindet man sich in einer recht gewöhnlichen Wohnstrasse, von der aus man auch den Hauseingang sehen kann. Damit wird das Haus real und greifbar.
Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Dienstag, 7. Januar 2014

Komm, Röb, wir gehen



Jedesmal wenn Herr M. mit seinem Rad durch die Thielenstrasse fährt, wird irgendeine Erinnerung aus Kindertagen wach. Denn hier hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht, als zweitältester von vier Geschwistern; drei Jungen und ein Mädchen. In der Nummer 8 haben sie gewohnt, Parterre rechts, im Hinterhof war eine Wiese.
Wir schlendern gemeinsam die Strasse entlang; Herr M. möchte mir zeigen, wo seine Verwandten gelebt haben; der Bruder vom Vater und die Schwester, die schräg gegenüber ebenfalls Parterre wohnte: „Sie hat den ganzen Tag am Fenster verbracht, so rausgebeugt,“ erklärt Herr M. und macht mir vor, wie seine Tante sich aufs Fensterbrett gestützt hat.
Die Tante mochte er nicht: „Sie hat den ganzen Tag getuschelt, immer so ...“ sagt Herr M. und macht 'bsbsbsbs' dabei, und seine Finger führen am Mund eine wispernde Bewegung aus. Dem kleinen Robert hat das Angst gemacht, denn er fürchtete stets, es könne dabei um ihn gehen.




„Ich habe schon manchmal überlegt, dass ich gerne nochmal ins Haus gehen würde. Wenn die Müllabfuhr kommt, kann man schon mal reingucken,“ sagt Herr M. als wir vor der Nummer 8 stehen. Die Tür ist verschlossen, der Müllwagen ist vor einer Weile an uns vorbeigefahren. Herr M. hat den Müllmännern gewunken und etwas rüber gerufen. Er kennt auch heute noch viele Menschen in der Strasse, dauernd grüßt er jemanden und hält einen kurzen Schwatz. Seit über 40 Jahren arbeitet er in der Druckerei an der Ecke, da kennt man natürlich die Nachbarschaft.
Weiter gehts, bitte hier entlang ...