Mittwoch, 19. März 2014

Die Verwandlung proben



Karneval ist schon lange her, ich weiß. Aber die Welt ist klein – und die Fotos von Weiberfastnacht sind plötzlich wieder ganz nah. Vorgestern habe ich nämlich eine mail bekommen: „Ich bin Rebekka, die Pantomime, die du an Altweiber am Aachener Weiher fotografiert hast.“ Rebekka schrieb, dass sie Catalina kennt, die ich vor kurzem hier vorgestellt habe. Genauer gesagt, ist Rebekka wohl Catalinas Gesangslehrerin. Sowas!

Im letzten Jahr hatte ich – ebenfalls an Weiberfastnacht und auch am Aachener Weiher – Benjamin fotografiert und später nochmal in Zivil getroffen.
Mit etwas Glück kann ich das mit Rebekka wiederholen. Ich bin neugierig, sie abseits vom Karneval zu treffen.

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Dienstag, 11. März 2014

Wer keine Wohnung hat, braucht trotzdem einen Schrank



Es ist 7 Uhr morgens. Ein Mann läuft die Strasse entlang und biegt in den Weg neben dem Park ein. Er trägt zwei Bündel; eins im Arm, eins über der Schulter. Zwischen den Büschen links und den parkenden Autos rechts windet sich ein schmaler Bürgersteig mit absurder Kurvenführung. Ein stadtplanerisches Mißgeschick, kaum jemand nutzt ihn. Der Mann mit den zwei Bündeln schon. Er folgt ihm dreifach um seine sinnlosen Ecken und stoppt an einem Busch. Dort kraxelt er eine Weile herum. Für einen Moment ist er nicht mehr zu sehen.
Dann nimmt der Mann den gleichen Weg wieder zurück. Diesmal ohne Bündel. Zurück auf der großen Strasse schneuzt er sich auf den Boden, wischt die Hand an der Jacke ab und geht davon.

Einige Zeit später kommt ein anderer Mann. Er trägt nur ein Bündel: es ist ein kleiner blauer Plastiksack. Der Mann steuert ein Gebüsch an, das wenige Meter vom ersten Bündel-Busch entfernt liegt. Er wählt jedoch den Weg von der anderen Seite, über die Wiese. Es scheint ihm weniger wichtig zu sein, ob jemand ihm zusieht. Routiniert verstaut er den blauen Sack unter ein paar Ästen. Dann geht er Richtung Supermarkt. Dort steht er jeden Tag mit seinem verbeulten Pappbecher am Eingang.

Gegen Mittag erscheint ein Fußtrupp städtischer Müllmänner. Sie durchkämmen regel­mäßig die Grünanlage.  Besonders eilig haben sie es nicht. An der Mülltonne machen sie eine Rauchpause. Sie reden, aber es scheint nicht wichtig zu sein. Einer geht über die Wiese zu dem Gebüsch, unter dem der blaue Sack liegt. Er holt ihn hervor und trägt ihn zu den blauen Säcken, die die Müllmänner auf ihrem Wagen mit sich herumfahren. Der Sack aus dem Gebüsch ist kleiner und kompakter als die anderen Säcke, und er ist aus einem anderen Material. Vor allem aber hat er eine andere Bedeutung.

Die Müllmänner beenden ihre Rauchpause und ziehen samt Wagen weiter. Die beiden Bündel des ersten Mannes liegen noch da.

Sonntag, 9. März 2014

Kein Keller in Kolumbien




Vor zweieinhalb Jahren hat sich Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben einen Pullover gekauft: er war senfgelb, weich und kuschelig. Kurze Zeit später hat Catalina zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee gesehen: „Komm, Cata, schnell ...“ hatte ihr Mann eines Morgens gerufen. Dann hat er die Gardine zur Seite gezogen und da war sie: die Welt in Weiß. Und mittendrin flitzte ein Eichhörnchen durch den Schnee den Baum hinauf. „Es sah aus wie eine Postkarte,“ sagt Catalina „Ich kannte sowas nur von Postkarten. Es war unglaublich schön das zu sehen.“
Damals war Catalina 26; zum ersten Mal hat sie gespürt, wie sich Kälte anfühlt. Niemals hätte sie gedacht, dass es so kalt sein kann: minus 14 Grad.
Wie man sich bei solcher Kälte kleidet wusste Catalina nicht: „Ich habe wie immer meine Leggins angezogen. Aber das war keine gute Idee,“ sagt Catalina und lacht. „In der U-Bahn habe ich geweint, weil ich so gefroren habe.“




Im Herbst 2011 hat Catalina Kolumbien verlassen und ist nach Deutschland gekommen. Seitdem hat sie vieles zum ersten Mal erlebt, nicht nur die Kälte. Und über so manches hat sie sich gewundert: dass man Putzwasser in die Badewanne gießt, beispielsweise. Das fand Catalina anfangs richtig eklig: „In Kolumbien schüttet man das Wasser im Patio in den Abfluß.“ Oder als sie bei ihrer Schwiegermutter im Keller war und dort die vielen Lebensmittel gesehen hat: „Ich habe das gar nicht verstanden. So viel Essen. Ich dachte, sie muss sehr reich sein. Oder verrückt.“ Aber Catalina hat für ihren Integrationstest einen Geschichtskurs belegt. Und so hat sie langsam verstanden, warum die Deutschen so viel Essen im Keller lagern: „Bei uns ist das anders, alles wird frisch gekauft. Und wir haben keine Keller in Kolumbien.“

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