Mittwoch, 12. November 2014

Lesen mit Frau Schmitt



(M)eine Art Buchbesprechung

»Als wir klein waren, haben wir dauernd gewunken. Für Fotos oder der Oma oder einfach so. Nachdem wir erstmal kapiert hatten wie es geht, haben wir es dauernd ausprobiert, auch bei fremden Leuten im Supermarkt. Wir wollten Beachtung und Zuwendung und mit dem Winken bekamen wir das sofort. Jetzt sind wir erwachsen und wollen immer noch Beachtung und Zuwendung, aber wir winken deswegen nicht mehr.«

Auch so ein schöner Absatz, den Heidi Schmitt in ihr Buch hineingeschrieben hat.

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Montag, 10. November 2014

Aus dem Leben genommen



Vor einer Woche, am Dia de los Muertos - dem mexikanischen Tag der Toten - ist eine friedliche Prozession durch Köln-Ehrenfeld gezogen und zufällig bin ich in sie hineingeraten. Eine bunt gemischte Gruppe war da leise, aber präsent auf dem Weg: Frauen mit traditionell geschminkten Gesichtern, Musiker, Mexikaner, Deutsche. Manche in kleinen Gruppen, manche für sich allein.

Ich stehe eine Weile am Straßenrand und sehe zu, wie der Zug vorüberzieht.  Etwas lässt mich beirrt und berührt innehalten: viele Menschen im Zug halten Blätter in die Höhe. Darauf zu sehen sind schwarz-weiss Fotos junger Männer und natürlich handelt es sich um Fotos der 43 vermissten Studenten aus Mexiko. Ich frage mich, ob inzwischen klar ist, dass sie nicht mehr am Leben sind - dies ist doch der Tag, der den Toten gewidmet ist.

Gretell ist Mexikanerin und lebt in  Deutschland. Sie ist Elektroanlageningenieurin in der Automobilbranche. „Lebend habt ihr sie genommen, lebend wollen wir sie zurück!“ übersetzt sie die Forderung, die den Fotos beigefügt ist.
Ob die Studenten sich nicht möglicherweise verloren gegeben fühlen, wenn ihre Fotos am Dias de los Muertes durch die Strassen getragen werden, frage ich. „Nein, “ sagt sie bestimmt. Gretell glaubt, dass die Studenten noch am Leben sind. „Viele glauben das.“
Gretell erklärt mir, dass der Tod in Mexiko eine andere Bedeutung hat als in Deutschland. Natürlich trauere man um Verstorbene, trotzdem sei der Tod an sich nichts Schlimmes. „Aber Mord ist schlimm!“ sagt sie.

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