Montag, 23. März 2015

Von Köln nach Neukölln




Vor ein paar Tagen ist Jasmin mit all ihren Habseligkeiten einmal quer durchs Land gefahren. Los ging die Reise in Köln-Ehrenfeld, das Ziel war Neukölln in Berlin.
Dort lebt Jasmin nun – was natürlich eine Feststellung ist, der es an Feinsinn mangelt. Denn wenngleich Jasmin samt Tisch und Bett den Ortswechsel äußerlich vollzogen hat, dürfte der innere Umzug noch ein Weilchen andauern. Man lebt ja nicht gleich los, als wäre alles so wie immer. Jasmin nimmt sich also erst mal etwas Zeit um anzukommen, um sich einzurichten und sich einzufinden – in der großen, neuen Stadt.

Gerade hat sie ihr Studium in Kommunikationsdesign abgeschlossen und ist nun freie Illustratorin. Auf ein gestalterisches Medium ist sie nicht festgelegt: Jasmin arbeitet analog und digital, ihre Ausdrucksform ist minimalistisch im Erscheinungsbild. Was einen deutlichen Gegensatz zu den Themen darstellt, denen sie sich widmet: Mensch sein, Liebe, geschlechtsspezifische Rollenmodelle, Pornografie aus feministischer Sicht, bzw. feministische Pornografie. Im Mittelpunkt ihrer Beobachtungen steht der Mensch in seinen diversen Lebensbezügen.




Von Berlin verspricht Jasmin sich mehr berufliche Möglichkeiten und mehr Freiraum, als sie in Köln zu finden glaubte. Und sie freut sich auch darauf, sich selbst neu zu erleben: „Ich habe mal eine Weile in Toronto gelebt, und das war einfach eine schöne Zeit; sich in einer ganz fremden Umgebung nochmal anders auszuprobieren. Daran denke ich sehr gerne zurück.“



ecosign - Nirgendwo ist hier from ecosign/Akademie für Gestaltung on Vimeo.


Das Leben an einem anderen als dem vertrauten Ort weiterzuführen ist auch ein Teil von Jasmins Familiengeschichte. In dem Video, das für das Projekt „Nirgendwo ist hier“ entstanden ist, erzählt Jasmin, wie ihr Vater aus Anatolien nach Deutschland kam: „Dieser Film ist sowas ähnliches wie Arbeit, Recherche, Aufarbeitung zu den Wurzeln und der Geschichte meines Vaters und der Kennenlerngeschichte meiner Eltern. Das Ganze ist spielerisch und sehr weit runtergebrochen, gibt aber einen kleinen Einblick in meine Familiengeschichte.“

Die Ausstellung, die in Zusammenarbeit zwischen der ecosign Köln und dem Flüchtlingsrat NRW entstanden ist, wird vom 28.03 bis 13.05.2015 im Kreativquartier Ruhrort in Duisburg zu sehen sein.






Sonntag, 15. März 2015

Frontlader



Eine erfreuliche Entwicklung im Stadtbild ist die stetig steigende Zahl an Lastenrädern aller Art. Meist sind es Kinder, die da einzeln oder im kleineren Gruppenverbund befördert werden. Zunehmend beobachte ich aber auch den Transport größerer Einkäufe und sperriger Güter. Bereits seit einigen Jahren lassen sich Touristen mit der Rikscha durch die Kölner Innenstadt kutschieren, im Sommer legen die Parkpiraten mit ihrem handgefertigten Radiosender-Fahrrad auf der grünen Wiese an. Wer in Köln lebt, und auch mal ohne Auto – und ohne ein eigenes Nutzrad zu besitzen – Dinge befördern möchte, kann sich Kasimir das Lastenrad ausleihen – kostenlos wohlgemerkt!

Dan hat seit ein paar Monaten diesen dreirädrigen Frontlader, mit dem er nun sich und seine beiden Hunde Karla und Paula fortbewegt. Den Hunden gefällts; zur Sicherheit leint Dan sie aber noch an, damit sie nicht doch mal unversehens rausspringen.
Im hölzernen Passagierraum bietet eine schmale Sitzbank auch eventuell mitreisenden Kindern Platz;
der Zugang erfolgt über die vordere Außenwand, die ausgeklappt zur Laderampe wird.






Lesetipp: Im Blog Nutzrad von Andreas Kuppinger finden sich interessante  Geschichten rund ums Thema und aus aller Welt: von einer sehr sympathischen dänischen Bestatterin, bei der die letzte Reise auch mit dem Lastenrad möglich ist oder von einem Fahrradwohnwagen, den man in den Niederlanden leihen kann (wo es ja praktischerweise nicht allzu bergig ist).
Außerdem gibts noch einen umfangreichen Nutzradkatalog, der sich als Suchhilfe für alle möglichen Nutzradmodelle versteht. Mit einem Klick aufs Symbol findet man so mehrere Anbieter von jeder denkbaren Sorte Nutzrad: LastenräderRollstuhlmobile oder Räder für die Stadtreinigung.

Donnerstag, 12. März 2015

Nähe und Distanz



Olga habe ich bei meiner Karnevals-Foto-Safari an Weiberfastnacht getroffen; sie war als Black Swan verkleidet und hat am Aachener Weiher in der Kölner Innenstadt gefeiert. Vor zwei Tagen haben wir uns wiedergetroffen. Diesmal mit mehr Zeit und ohne Verkleidung.

Nach dem Abitur ist Olga von Bochum nach Köln gezogen. Das war vor knapp 6 Jahren. Sie wusste erst mal nicht recht, was sie machen möchte. Probehalber hat sie ein bisschen losstudiert, aber dann hat sie sich für ein freiwilliges soziales Jahr beim Roten Kreuz beworben: „Die haben sich auch schnell gemeldet und mich zum Gespräch eingeladen.“ Ein halbes Jahr hat Olga in einer Förderschule gearbeitet, ein halbes Jahr in einer integrativen Waldorfschule, und sie war auch kurz in einem Altenheim. Die Arbeit hat ihr gut gefallen: „Ich wusste dann einfach, dass es das ist was ich gerne machen möchte“.

Also hat Olga eine Ausbildung begonnen, die sie im vergangenen Herbst abgeschlossen hat. Sie ist nun Heilerziehungspflegerin und arbeitet in einer Wohngruppe in der Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen leben: Menschen mit körperlicher, geistiger oder psychischer Behinderung, manche auch mit Schwerstmehrfachbehinderung. Die Wohngruppe damit beschreiben zu wollen wäre allerdings etwas eindimensional: Olga definiert die Bewohner ja nicht über ihre Behinderung: „Es sind einfach Menschen – alle mit einer eigenen Persönlichkeit.“




Wie viele Berufsbezeichnungen bleibt auch Olgas Beruf für mich zunächst abstrakt - deswegen frage ich nach. Olga sagt, der Name lade tatsächlich zu Fehldeutungen ein: „Viele denken bei Heilerziehungspflegerin sofort hauptsächlich an Pflege, bzw. an pflegerische Tätigkeiten, eben weil das Wort da drin steckt.“ Dabei ist dies nur ein Aspekt von Olgas Arbeit – und auch für die Menschen in der Wohngruppe ist Pflege nur ein Aspekt in ihrem alltäglichen Leben.







In der Wohngruppe in der Olga arbeitet leben 8 Menschen zusammen. „Ich biete Unterstützung bei alltäglichen Dingen. Dazu gehört natürlich auch dass ich beim Zähneputzen, beim Waschen oder oder beim Anziehen helfe.“ Morgens begleitet Olga den Start in den Tag: „Alle aus der Wohngruppe gehen arbeiten; in unterschiedlichen Werkstätten.“ Tagsüber, wenn die Bewohner bei der Arbeit sind, ist Olgas Arbeit eher administrativ: sie schreibt Anträge oder Berichte und kümmert sich um allgemeine organisatorische Belange. Wenn alle wieder zuhause sind findet in der Wohngruppe ganz alltägliches statt: „Die eine hört Musik, der andere kocht sich eine Kanne Tee, manche gucken fern. Was man eben so macht nach der Arbeit. Wichtig ist, dass man Halt und Struktur bietet.“ Man spricht miteinander, Olga fragt nach, wie der Tag war: „Wenn jemand nicht sprechen kann, dann geht es eben über Reaktionen. Da erfährt man auch viel.“

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Dienstag, 3. März 2015

Lebendigkeit und Ruhe




Gerda lebt im Epizentrum des Kölner Studentenlebens. Die Lebendigkeit des Viertels möchte sie nicht missen, aber etwas mehr Ruhe in der eigenen Wohnung hätte sie schon gern. Ruhe, um sich zu konzentrieren, Ruhe zum Malen, zum Lesen - Ungestörtheit eben. „Momentan ist es so, dass ich von meiner Nachbarin alles höre. Also wirklich alles.“  Dass Jung und Alt in der Stadt nah zusammenleben findet Gerda eigentlich schön: „Aber das Mischungsverhältnis muss stimmen.“ Zunehmend hat sie das Gefühl, dass sie unter immer weniger Alten zwischen immer mehr Jungen lebt - und dass sich diese Entwicklung in der Zukunft deutlich fortsetzen wird.

In wenigen Wochen wird Gerda deswegen umziehen. Nach der neuen Wohnung hat sie lange gesucht, aber nun ist sie zuversichtlich, dass sie die richtige gefunden hat. In das Viertel, in dem sie jetzt wohnt und an dem sie so hängt, kann sie dann noch immer bequem zu Fuß laufen: „Das war mir wichtig!“ sagt Gerda. „Meine Kinder würden sagen, da wo ich hinziehe, ist es spießig, aber eine Tochter von mir wohnt auch dort, und deswegen weiß ich, dass die Wohnungen eine gute Schalldämmung haben.“



Die graue Mütze hat Gerda selbst gehäkelt


Gerda ist 72 Jahre alt und sie hat vier Töchter. Die Älteste ist 32, die Jüngste 26. Gerda war 38, als sie ihren zweiten Mann kennengelernt hat, mit 40 kam das erste Kind. Was heute nicht mehr sonderlich unüblich ist, war damals eher die Ausnahme.
Berufstätig ist Gerda nicht mehr, früher hat sie in der Berufsbearbeitung gearbeitet - beim Arbeitsamt, wie es damals noch hieß. Sie hat Menschen, die ihren alten Beruf nicht mehr ausüben konnten, geholfen, herauszufinden, welches denn möglicherweise ein neuer Beruf sein könnte. „Aber das ist ja schon so lange her ...“, sagt Gerda.





Schon immer hat Gerda viel gemalt, und das macht sie auch heute noch. In Öl oder Acryl, abstrakt oder gegenständlich: „Wenn ich eine Idee habe, versuche ich sie umzusetzen. Manchmal sind es auch nur Skizzen, die ich mir im Urlaub oder unterwegs mache.“
Ihre jetzige Wohnung ist voll mit ihren Bildern: „Das ist ein Altbau, da ist es leicht, die alle unterzubringen. Mal sehen, wie es in der neuen Wohnung wird.“ Ausgestellt hat sie ihre Bilder schon lange nicht mehr, sie zeigt sie eher im Freundeskreis. Ihre Kinder ermutigen sie immer wieder, sich eine Homepage einzurichten, aber Gerda ist noch nicht sicher, ob sie das möchte.
Nun steht erst mal der Umzug bevor, und die neue Zeit, die damit beginnt. „Meine neue Wohnung hat auch einen Balkon.“ sagt Gerda. „Mit Blick auf den Dom!“