Montag, 26. Oktober 2015

Cemals Café



Istanbul ist auf sieben Hügeln erbaut und jeder dieser Hügel bietet unzählige Aussichten und Panoramablicke. Stünde das Wort Hügel für einen hohen mathematischen Rechenwert und nähme man den zum Quadrat – oder besser noch alle sieben Hügel zum Quadrat – dann käme dabei eine immens hohe Zahl heraus, die die Fülle der Aussichtsmöglichkeiten Istanbuls beschreiben würde. An einem dieser fast beiläufig vorhandenen, verschwenderisch schönen Aussichtspunkte hat Cemal ein kleines Straßencafé.
Selten dürfte diese Bezeichnung derart stimmig sein: Cemals Café liegt nicht nur an der Straße, es befindet sich auch darauf. Es gibt kein Drinnen und kein Draussen, es gibt keine Toiletten, nichts zu Essen und auch keine große Auswahl. Aber es gibt Kaffee, und der wird in wunderschönen kleinen Tassen serviert. Und es gibt - natürlich - einen Ausblick.



Direkt über einer kleinen, etwas räudigen Grünanlage, dem Sanatkârlar Parkı, liegt Cemals Café. Den schmalen Bürgersteig begrenzt ein Geländer, so dass niemand in den Park hinunterfallen kann. Wenn Cemal sein Café eröffnet, irgendwann am Nachmittag, stellt er ein oder zwei Tische ans Geländer. Wenn mehr Gäste kommen, stellt er noch ein paar Tische dazu. Manchmal stehen Autos am Straßenrand seines Bürgersteig-Cafés. Wenn eins wegfährt, schiebt Cemal mit einer ganz eigenen Schwungtechnik schwere, aber leere Blumenkästen aus Stein auf die frei gewordene Fläche.
Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße, an einer graffitigeschmückten Mauer, wird von Cemals Freund Mehmet in einer Art Schrank der Kaffee zubereitet.



Cemal ist 80 Jahre alt, seit 26 Jahren betreibt er sein kleines Straßencafé. Früher war es ein paar Meter weiter rechts, aber irgendwann ist dort ein Parkplatz entstanden, so dass Cemal mit seinem Mobiliar ein wenig wandern musste. Ganz legal ist der kleine Betrieb nicht, aber richtig ernsthafte Probleme hat es in all den Jahren nicht gegeben. Nicht die Polizei sei das Problem - die auch gerade auf einen Kaffee vorbeigeschaut hat - sondern 'the government'. Das erklärt mir Ela, Cemals Enkelin, und ich vermute, sie meint so etwas wie das Ordnungsamt.

Cemals Café ist ein friedlicher Ort. Manchmal fährt ein Auto vorbei oder ein paar Jugendliche lassen den Motor ihres Mopeds aufheulen. An den Tischen sitzen Menschen im leisen Gespräch in der letzten Sonne des frühen Abends, die schließlich dem Schatten das Feld überlässt und über den Bosporus nach Asien leuchtet.
Ich bin an meinem letzten Abend bei Cemal zu Gast. Als ich meinen Kaffee bezahle, frage ich ob ich ein paar Fotos machen kann. Cemal ruft Ela, die schon seit einer Weile an der Mauer sitzt und in ihr Telefon versunken ist. Ela übersetzt und erzählt mir Geschichten aus Cemals Leben: dass er früher unten in Karaköy, in der Nähe der Galata-Brücke ein Restaurant hatte, neben dem Friseur-Salon seines Sohnes - Elas Vater. Außerdem hat Cemal dort auch einen Parkplatz betrieben - einen Otopark, wie sie in Istanbul heißen.
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