Mittwoch, 30. Dezember 2015

... und dann auch noch schnücksch?



Vom Mitspielen dürfen

Eines möchte ich diesem Text voranstellen: unendlich viele Menschen in diesem Land widmen sich aufopferungsvoll, unentgeltlich, unentwegt und zumeist unerwähnt der Hilfe und Unterstützung von Flüchtenden. Sie verwenden ihre Kraft und Zeit um zu helfen. Ich kann mich nicht dazuzählen, denn ich tue quasi nichts. Allerhöchstens ein leises 'quasi' darf ich mir gönnen, oder ein hoffnungsvolles 'noch nichts'.
Ich lese, ja. Vor allem Herrn Buddenbohm gilt an dieser Stelle mein Dank, der sich regelmäßig die Mühe macht profunde Linksammlungen zum Thema zusammenzustellen, die er nach wie vor bescheiden Sonderausgabe nennt.
Ich lese also, ich mache mir Gedanken, nehme innerlich Teil. Aber weder stehe ich in einer Suppenküche, noch in einer Kleider-Sortierkammer, noch bin ich sonstwie irgendwie tätig.
Meine kleinen Aktionen sind situative Einzelhilfen im Promillebereich, von denen ich nur hoffen kann, dass sie tatsächlich hilfreich sind. Meine vielen Gedanken beschäftigen mich persönlich, haben aber keine Wirkung, keinen Nutzen im Außen.

Oft versuche ich mich hineinzuversetzen: in Menschen, die auf der Flucht sind, die ihr Leben verloren haben, die aber noch am Leben sind. „Losmarschiert als Preussen und als Gesindel angekommen“ schreibt Dörte Hansen in ihrem Roman „Altes Land“ über flüchtende Menschen aus Ostpreussen. Ich übertrage das im Geiste auf Menschen aus Syrien, Afghanistan, Afrika, woher auch immer eben die Menschen stammen, die ihr Leben auf der Flucht riskiert haben.


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Sonntag, 27. Dezember 2015

Haydarpaşa, kapalı



Es gibt Orte, an denen ist man üblicherweise nicht allein. Oder besser gesagt, vielleicht ist man an ihnen sogar allein, aber man ist nicht für sich. Manche Orte teilt man naturgemäß mit anderen Menschen; sogar mit vielen zumeist. Deswegen hat es es immer seinen ganz eigenen Zauber, solche Orte menschenleer vorzufinden. Schon einer nächtlichen, verlassenen Fußgängerzone, die nur für den Öffnungszeiten-orientierten Tag gemacht zu sein scheint, wohnt dieser eigentümliche Reiz inne. Oder eine Kneipe (sagt man eigentlich heute noch Kneipe?) die man nur laut und voll und (früher) verqualmt kennt; verstörend in trübem Tageslicht, die Stühle auf den Tischen, ernüchternd dreckig und über allem der spröde Duft der Zapfanlage, den man lieber nicht gerochen hätte. Und gibt es nicht auch Filme zum Thema? Nachts im Museum, Allein im Kaufhaus ...




Haydarpaşa, der historische Kopfbahnhof auf Istanbuls asiatischer Seite, war einmal der zweitgrößte Bahnhof der Stadt. Hier kamen Züge aus Anatolien, Syrien, Iran, Irak an. Wer weiter nach Europa wollte musste die Fähre über den Bosporus zum Bahnhof Sirkeci auf der europäischen Seite nehmen; so wie es Hercule Poirot in 'Mord im Orientexpress' getan hat, um mal ein fiktives Bild zu bemühen.

Heute ist Haydarpaşa ein seltsam verlassener Ort. Im Frühjahr 2012 wurde zunächst der Fernverkehr und etwas später auch der Regionalverkehr eingestellt. Obwohl das nun schon über drei Jahre her ist wirkt alles, als wäre der Bahnhof erst kürzlich hastig geräumt worden. Zwar sind die Fahrkartenautomaten im Eingang abgebaut, die Ticketschalter sind geschlossenen und frei von persönlichen Spuren. Hinter den Fenstern stehen Schilder: 'Kapalı', das bedeutet 'Geschlossen.' Auch die kleinen Bahnhofskioske - die Büfes - sind verlassen, leer, teilweise mit Brettern vernagelt. Bis auf einen. Ganz rechts in einer Reihe toter Schaufenster bietet ein letzter Kiosk noch immer Tee und Zigaretten an und was es eben so gibt im türkischen Büdchen.




Vielleicht liegt es an den Zügen, die noch auf den Gleisen stehen, vielleicht an den geschlossenen, aber hübschen Gittertoren, die den Zugang zu den Gleisen scheinbar nur vorübergehend verwehren, an den Schildern, auf denen für Reisende noch immer steht, an welchem Ort sie sich gerade befinden: Haydarpaşa. Vielleicht liegt es am vitalen Grün der eingezäunten Bahnhofsbüsche, vielleicht an den südlichen Palmen, die den Geschäftigen etwas Lässigkeit entgegensetzen . Haydarpaşa ist ein Bahnhof ohne Fahrplan und das macht ihn zu einem traurigen Ort.
Aber irgendwie scheint den Bahnhof selbst niemand informiert zu haben, dass er fortan nicht mehr genutzt werden soll. Mit Contenance und Würde steht er aufrecht und wirkt vorbereitet. Es fällt so leicht, sich ein wuselndes Meer aus Reisenden, Koffern und Stimmen vorzustellen, die sich wie selbstverständlich in ihm ausbreiten und bewegen. Der Bahnhof ist ein verlässlicher Veteran, der zu früh den Dienst quittieren musste und ein renitentes Lüftchen weht heimlich durch die Hallen: Ihr könnt mich mal, ich bin noch da!


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Dienstag, 1. Dezember 2015

Drei Generationen Haus



In einer schmalen, steilen Strasse im Istanbuler Stadtteil Cihangir steht Elas Geburtshaus. Nicht nur sie, auch ihre drei Schwestern – die älteste ist 38, die jüngste 17 – sind hier zur Welt gekommen.
Ela, die ich im Café ihres Großvaters Cemal kennengelernt habe, hat mich eingeladen, sie in ihr Haus zu begleiten: „Wir leben dort alle zusammen, meine Eltern, meine Großeltern, ich und meine jüngste Schwester.“ Ela ist (ich schrieb es schon) von leiser, aber überbordender Herzlichkeit. Wie könnte ich ihr Angebot ausschlagen.

Also machen wir uns gemeinsam auf den Weg vom Café - wo bis auf den Vater und Elas Schwester gerade die familiäre Hausgemeinschaft versammelt ist - und schlendern die kurvige Strasse bergab in Richtung Haus. Unterwegs zeigt Ela mal hierhin, mal dorthin; im oberen Teil der Strasse steht ein opulenter Neubau mit großen Panoramafenstern. Dort wohnt, so erfahre ich, ein berühmter Schauspieler einer beliebten Seifenoper. Ela kennt auch den Preis seiner Wohnung, denn der stand in der Zeitung; irgendeine Zahl mit Million hintendran, sehr teuer jedenfalls. Ein paar Meter weiter kürzt eine steile Treppe für Fußgänger den Weg nach oben ab. Die Stufen sind voll besetzt, überall sitzen grüppchenweise junge Leute zusammen. Es ist Freitag Abend, es ist warm, die Sonne geht gerade unter, und der Bosporus glitzert Weite und Geborgenheit zugleich in den nahenden Abend hinaus.

An der nächsten Biegung zeige ich auf einen bunten Strauss Peperoni, die am Fenster eines hübschen, gut erhaltenen Holzhauses zum trocknen draußen hängen. Neben dem Haus steht eine Palme. Bereits letztes Jahr habe ich hier ein Foto gemacht, auch damals hingen Pepperoni und Kräuter am Fenster. Ela freut sich – hier wohnt ihre Freundin.




Ela kennt das Viertel, an jedem Haus fällt ihr eine Geschichte ein. Und wo kein Haus mehr steht, sondern nur noch eine bröckelige Mauer, stand früher mal eins, wo sie mit ihren Freunden gespielt hat.
Ela ist 23. In dieser Strasse, in diesem Viertel ist sie groß geworden. Wir erreichen das Haus ihrer Großeltern, ihrer Eltern, ihr Haus. „Da oben ist mein Fenster,“ sagt Ela und zeigt in den zweiten Stock. Dann erklärt sie mir alle anderen Fenster, während ich die Eingangstür suche. Die Tür ist aus Metall und schief in eine schiefe Mauer eingelassen. Alles hier ist schief, kaum sind wir in dem kleinen Innenhof, wo mich eine der sechs oder sieben Hauskatzen begrüßt, geht es schief weiter. Als ich selbst ein Kind war, wurde ich in einem markanten Moment meines Lebens mit dem Phänomen 'windschief' bekannt gemacht. Hier, in Elas Haus, befinde ich mich nun in einer Art Zentrale des windschiefen.
Ela führt mich durch den Hof zur Haustür, aus der soeben ihr jüngere Schwester tritt. Sie verhält sich beruhigend jugendlich. Mit Ela wechselt sie mimikfrei nur die nötigsten genuschelten Worte, mich ignoriert sie weitgehend. Während sie ihre Turnschuhe anzieht, lese ich auf ihrem T-Shirt: Don't kill my Vibe.




Ela bewegt sich mit mit liebender Selbstverständlichkeit durch das Haus, in dem sie schon immer lebt und mit dem sie auf eigene Art verschmolzen zu sein scheint. Wenn sie mir etwas erklärt, dann damit ich das Haus verstehe, damit auch ich mich im Haus auskenne, mich darin bewegen kann. Ela präsentiert nicht, sie lädt ein. Sie teilt. So unspektakulär kann Gastfreundschaft daherkommen, und so ohne Zweifel.
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