Samstag, 30. Januar 2016

Mehr Katzen für das Internet



Es heißt ja immer leicht verächtlich das Internet sei voll von Katzen. Ich weiß nicht welches - meins jedenfalls nicht. Das Internet in dem ich unterwegs bin, ist, so erscheint es mir in diesem frisch angebrochenen, bereits vielfach beschädigten Jahr, bedauerlich voll von schlechten Nachrichten, Niedertracht und erschütternder Rechthaberei.

An manchen Tagen fühle ich mich müde von all den grausamen, durch Menschen verursachten (oder nicht durch sie verhinderten) Katastrophen und dem Hass. Dem Hass, der Grausamkeiten ermöglicht, dem Hass, der sich als Reaktion darauf formiert und dem verbalen Hass, der gedanklicher Notdurft gleichkommt (ich lese fahrlässigerweise Kommentarspalten). Ich werde müde von der Niedertracht, vom grassierenden Unwillen auch nur einen ausführlichen Moment lang innezuhalten, bevor man der Welt seine quadratisch-gepresste Meinung in oftmals gewalttätigen Worten antut. Oder bevor man das Streichholz oder gar eine Handgranate bemüht.
Philosophie sei „die Kunst, Unrecht zu haben“ wird der Philosoph Hans-Georg Gadamer im Editorial des aktuellen Philosophie Magazins zitiert. Etwas anders formuliert er es im Gespräch mit Rüdiger Safranski: philosophieren sei die Fortsetzung des Zweifels mit anderen Mitteln. (bei 12:36)




Das Innehalten und das Zweifeln scheinen mir wenig populär in diesen Tagen. Schnell dahingelärmte Antworten hingegen schon.
Und da fallen mir die Katzen ein. Mir selbst hilft beim Innehalten ganz gewiss die Katze. Ich gucke ihr beim Sein zu und stelle ein ums andere Mal fest, dass sie nicht sonderlich viel tut. Dabei lässt sich prima innehalten. Ich frage mich – ganz nach persönlicher Verfassung – mal dies, mal das: ist der Katze nicht langweilig? Wozu all die Knochen und Muskeln, wenn sie doch nur herumliegt? Was fängt sie an mit all den Erkenntnissen, die sie bei ihren hochkonzentrierten Erkundungen aller unverschlossenen Schränke, Schubladen und der umliegenden Höfe gewinnt? Warum eigentlich bin ich nicht selbst auch eine Katze? Was mag nur in ihr vorgehen, frage ich mich und entschuldige ihre unerschütterliche Katzenroutine mit den Worten: Sie weiß ja nichts von Zeit und Geld.
Die Katze ist meine Mahnung, meine Erinnerung daran, mich immer wieder zu fragen, ob, warum und wann Tun und Haben wirklich besser ist als Sein.

Diese katzenverursachten Gedanken und Fragen mögen sich in der Herleitung etwas schlicht lesen. Ich kann aber versichern, dass ich mir wieder und wieder den Kopf auch um zentrale Fragen des Lebens und des aktuellen Zeitgeschehens zerbreche, bloß weil die Katze guckt, wie sie guckt.

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Samstag, 9. Januar 2016

Von sich selbst sprechen



Zu schweigen ist für Sakher keine Option: Themen, über die berichtet werden muss, die kritisch zu hinterfragen sind, Zusammenhänge, die es zu verstehen oder Missstände, die es zu benennen gilt - Sakher will sie an – bzw. aussprechen. Er möchte, dass Wahrheiten es ans Tageslicht schaffen und sie nicht unterwegs durch politische, persönliche oder wirtschaftlichen Interessen pervertiert werden: „... weil es um Macht oder Geld geht.“

Um ein Leben führen zu können, in dem es ihm möglich ist als Journalist zu arbeiten ohne politisch verfolgt zu werden, ohne an Leib und Leben bedroht zu sein, hat Sakher eine lange, schwierige Reise angetreten. Sein Ziel: Deutschland, die Freiheit.
„Ich bin bereit den Preis zu zahlen, den mein Wunsch nach einem freien Leben kostet.“ Er hat Syrien verlassen, seine Eltern, Geschwister, Freunde. Er lebt nun in einem Land, in dem er zunächst monatelang Ungewissheit aushalten und sich um eine Aufenthaltserlaubnis bemühen musste. Im Spätsommer letzten Jahres hat er sie erhalten. „Das war ein wichtiger Schritt: denn nur so kommt man aus dem Flüchtlingscamp heraus und kann den Flüchtlings-Status hinter sich lassen.“ Für Sakher steht nun der zweite Schritt an: „Eine Wohnung zu finden.“ Schritt für Schritt will Sakher sich sein neues Leben aufbauen. Er lernt Deutsch, knüpft Kontakte, schließt Freundschaften. Er entwickelt Ideen und Pläne, die seine berufliche Zukunft betreffen, und er versucht, das System Deutschland zu verstehen, damit er Notwendigkeiten und Möglichkeiten einschätzen kann.




Sakher hat Politikwissenschaften in Damaskus studiert. Kritische Recherchen zu politischen Themen haben ihn schon während seines Studiums ins Blickfeld des syrischen Geheimdienstes gerückt, schließlich wurde er verhaftet und war im Gefängnis. „Am Gefängnis ist nicht das Schlimmste, dass man darin sterben kann. Das Schlimmste ist, was alles mit einem passieren kann, bevor man stirbt.“ Sakher hatte Glück, er wurde aus dem Gefängnis entlassen; mit der Warnung, dass man ihn weiterhin beobachtet. Sakher musste lernen heimlich zu sein. Eine zweite Verhaftung hat er nicht abgewartet.

Sakher ist es ernst mit seinem neuen Leben, mit der Chance, für die er sich in Unsicherheit und Gefahr gebracht hat, um Krieg und Verfolgung zu entkommen. Die schlimmsten Stunden seines Lebens hat er auf der Flucht erlebt. Sakher kann sie klar benennen: „Die Fahrt in einem kleinen Boot übers Meer, der Marsch durch die Berge von Mazedonien nach Serbien.“ Nach einem kleinem Moment fügt er hinzu: „Und die Zeit im Gefängnis.“

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