Sonntag, 18. Juni 2017

Merhaba, benim adım Smilla - Begegnungen in Istanbul



Zum fünften Mal war ich nun in Istanbul. Viele Gedanken habe ich mir vor dieser Reise gemacht: Soll, kann, darf ich das tun? In ein Land reisen, das sich im Ausnahmezustand befindet, in dem Journalisten und Oppositionelle im Gefängnis sitzen. Ein Land, in dem man auch als Besucher keine kritische Meinung zum politischen Geschehen äußern sollte. Wo man nicht den falschen Leuten die falschen Fragen stellen sollte. Ich bin diesbezüglich nicht sehr mutig und bestimmt kein Draufgänger.
Nach Istanbul zu reisen ist für mich, wie eine Freundschaft zu pflegen; diese Stadt berührt mein Herz. So, wie man die Nähe zu den Menschen sucht, die man liebt, so laufe ich durch Istanbul und versuche, der Stadt nahe zu sein. Für mich geht das über den Kontakt zu Menschen: der Topkapı-Palast, die blaue Moschee; ich war noch nie dort. Es sind nicht Sehenswürdigkeiten, sondern Stadtviertel, in die ich meine - im besten Sinne - planlosen Ausflüge mache. Ich fahre mit Bus, Fähre, Metro oder Dolmuş an einen Ausgangspunkt meiner Wahl und laufe los - der Rest ergibt sich.




Diese Spaziergänge lasse ich geschehen; meist laufe ich sehr langsam, machmal stehe ich auch nur so herum und warte, wohin mich der nächste Impuls gehen lässt. Wenn mir auffällt, dass ich auffalle fange ich an, freundlich zu grüßen: „Merhaba!“. Diese Kleinigkeit bewirkt erstaunliches; ich werde angelächelt, ebenfalls begrüßt, herbeigewunken und sogar eingeladen Platz zu nehmen. Ich verfüge über sehr mickrige Kenntnisse der türkischen Sprache (Çok az Türkçe konuşabiliyorum) kann mich aber vorstellen (Benim adım Smilla), höflich etwas zu Essen bestellen, nach dem ungefähren Weg zurück fragen, und habe allerlei Satzfragmente parat, die jedoch niemals ein wirkliches Gespräch erlauben. Wirklich immer finde ich das schade, und gleichzeitig habe ich gelernt, dass einfach nur so Dasitzen und zeigen dass man es gerne tut, oft schon eine wohlwollende Grundstimmung erzeugt, die sehr entspannend sein kann und das Verweilen ermöglicht.



Nach und nach erkunde ich auf diese Weise seit Jahren ein Stadtviertel nach dem anderen: und davon gibt es in Istanbul unglaublich viele. Allein Fatih, eine Gemeinde Istanbuls mit über 400 000 Einwohnern unterteilt sich in 102 kleine Stadtteile, die Mahalle. Diese Fotos sind entstanden auf dem Weg von Ayvansary nach Draman über Balat und Fener. Dabei bin ich so sehr Zick-Zack gelaufen, dass ich natürlich nicht ordentlich von einem zum nächsten Stadtviertel gelangt, sondern immer hin und her gependelt bin, wie ich später rekonstruiert habe. Weil ein Tag für so viel Gegend zudem nicht ausreicht, bin ich am nächsten Tag nochmal dorthin.

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Dienstag, 13. Juni 2017

13 Fotos aus Istanbul



Heute ohne viele Worte: dreizehn Fotos aus Istanbul. Die Anzahl ist - aus Spielerei - ans Datum angepasst: heute ist der 13.  Ich habe Geburtstag, den in Istanbul zu verbringen mein Herzenswunsch war.  Nun zieht es mich zum Tee an den Bosporus...
Seit 10 Tagen bin ich hier, unzählige Fotos habe ich gemacht, vielen Menschen bin ich begegnet, zum ersten, zum wiederholten, zum einzigen Mal... Vor langem schon hab ich mein Herz an Istanbul verloren. Jedes Mal wenn ich hier bin haben sich in der Zwischenzeit Dinge verändert. Manchmal derart gründlich, dass es weh tut. Vieles aber ist noch da, vielleicht ein bisschen verwandelt, aber vertraut. Ich laufe unablässig durch die große Stadt und oftmals mache ich Fotos von Häusern oder Strassenzügen, weil ich Sorge habe, beim nächsten Besuch steht kein Stein mehr auf dem anderen. Oder ich fotografiere, was für mich die Stimmung dieser Stadt ausmacht. Es ist mein Versuch der Würdigung und meine Art mich mit der Stadt und den Menschen zu verbinden. 













Die sichtbarste von vielen Veränderungen auf der Haupt-Einkaufsstrasse in Beyoğlu: die nostalgische Tünel-Strassenbahn, die verlässlich die Istiklal Caddesi hinauf- und hinunter gezuckelt ist - verschwunden, mitsamt den Gleisen. Angeblich soll sie wiederkommen; warum sie nicht mehr fährt habe ich noch nicht ergründet.



Vor sieben Jahren war hier ein kleiner Tee-Salon, dann eine Art American-Diner, nun ist Leerstand.
























Zu Besuch bei Mehmet Ali, dem ich Fotos aus 2014 mitgebracht habe.




















Sonntag, 11. Juni 2017

Von Ceren lernen



„I try to be an artist“, sagt Ceren über sich. Sie lebt in Kadiköy, einem Stadtteil auf der asiatischen Seite Istanbuls. Ich treffe sie im Garda Café, einer meiner in ganz Istanbul verstreuten Plätze, die ich immer wieder besuche, weil es in der großen Stadt manchmal gut tut, wiedererkannt und begrüßt zu werden. Ceren will eigentlich gerade wieder gehen, sie kam nur kurz hereingewirbelt, hat hier jemanden begrüßt, da jemanden umarmt, sich für ein leises Gespräch zu einem Freund an den Tisch gesetzt: sie ist hier zuhause.
Ceren erklärt mir, das ihr Name 'little deer' bedeutet, kleiner Hirsch - Rehauge lese ich später irgendwo. Sie ißt von den gelben Früchten, die mir der Besitzer des Cafés auf einem kleinen Teller gebracht hat: er hat sie frisch vom Baum neben meinem Stuhl gepflückt. „Yeni dünya“, sagt Ceren, „das bedeutet Neue Welt.“ Mispeln, wie ich nun weiß.

Ceren liebt die tiefere Bedeutung, den Sinn hinter den Dingen. Sie reist gern, am liebsten an Orte, die wenig populär sind: sie scheinen ihr am wahrhaftigsten zu sein. Weil sie ihr Klavier nicht mit auf Reisen nehmen kann lernt sie die Darbuka zu spielen; eine arabische Trommel. Dafür nimmt sie Unterricht bei Mısırlı Ahmet, einem Trommelmeister, der im Stadtteil Balat ein 'Ritimhanesi', betreibt - ich übersetze das mal mit Musikschule. Allerdings geht es auch hier nicht einfach um das Offensichtliche; Mısırlı Ahmet hat eine eigene Philosophie, die über das Musik machen hinaus geht. Davon erzählt Ceren mir, und auf der Seite des Musik-Ensembles Constantinople wird er so zitiert: “You have to lose the rhythm first in order to discover it.”

Neben der Musik malt Ceren; am liebsten Portraits, aber sie malt auch Bilder im Ottomanstyle, im Auftrag für Hotels beispielsweise.

Ceren bezeichnet sich als Suchende, sie wertschätzt die Vergangenheit und respektiert die Zukunft, und doch versucht sie so gegenwärtig wie möglich zu sein. Sie liest gerne Gedichte von Omar Khayyam, einem Mystiker aus Persien, der vor bald tausend Jahren vierzeilige, sogenannte Rubaiyate, verfasst hat. Das hat er mehr oder weniger nebenbei getan, denn im Hauptberuf war er Mathematiker und Astronom. Erst vor ca. hundertfünfzig Jahren wurden seine Gedichte ins Englische übersetzt, und haben so in der westlichen Welt Berühmtheit erlangt (Guardian Artikel). Ich muss gestehen, ich habe noch nie von ihm gehört, ich kennen nur Rumi, und genau genommen kenne ich nicht mal den. Deswegen habe ich ein wenig herum gegoogelt, denn wie ich immer wieder feststelle werden plötzlich Dinge für mich interessant, weil sich jemand für sie interessiert, den ich mag.




Später schickt Ceren mir einige ins englisch übersetzte Gedichte von Omar Khayyam. Eins beschreibt für mein Empfinden Ceren selbst:


Give me a skin of wine, a crust of bread,
A pittance bare, a book of verse to read;
With thee, O love, to share my lowly roof,
I would not take the Sultan's realm instead!


Freitag, 9. Juni 2017

50 ccm, 3l Vernel-Tank



Zuerst sehe ich das Moped; es steht an der Küstenpromenade in Arnavutköy und sieht aus wie ein umgebautes Bonanza-Fahrrad. Chopper-Lenker, Doppelspiegel, Fransen-Pompons, chices blaues Täschchen, aus dem irgendein Werkzeug hervorguckt. Ich mache ein Foto und sehe mich um, wem das tolle Gefährt wohl gehören mag. Da kommt Orhan auch schon herbei gelaufen, macht Zeichen, dass es seins ist und lädt mich ein, mich mal drauf zu setzen. Mir fehlt die Abenteuerlust, aber ich bitte ihn ein paar Fotos machen zu dürfen. Sofort wirft sich Orhan in Pose und begutachtet direkt das erste Foto: nein, viel zu weit weg, ich soll ein näheres machen. Natürlich erfülle ich seinen Wunsch umgehend, er reckt den Daumen hoch und will auch dieses Foto sofort sehen: schon besser.

Weiter gehts, bitte hier entlang ...

Donnerstag, 8. Juni 2017

Alle Farben



Aycan ist auf der Istiklâl Caddesi unterwegs - der größten Einkaufsstrasse in Beyoğlu - um neue Mitglieder für Greenpeace zu werben. Sie ist 20 Jahre alt und studiert Politik an der Universität Istanbul.

Unterhalten können wir uns nicht: mein dürftiges Türkisch lässt nicht im Ansatz ein wirkliches Gespräch zu, und Aycan spricht kein Englisch. Und trotzdem sind es diese Begegnungen mit Menschen, die mir Istanbul immer wieder aufs Neue erschließen; ob nun mit vielen oder wenigen Worten. Manchmal denke ich, die Unmöglichkeit miteinander zu sprechen, also so richtig mit Differenzieren, Nachfragen und allem Zipp und Zapp, diese Unmöglichkeit eröffnet eine andere Möglichkeit: ohne das wichtige Werkzeug eines Erwachsenen im Umgang mit anderen Erwachsenen - der Sprache -
begegnet man sich eher mit den Mitteln eines Kindes. Wie auf dem Spielplatz. Wenn man nicht gerade signalisiert, dass man dem anderen seine Schaufel wegnehmen möchte geht das meistens gut, meiner Erfahrung nach. Da wird nach Wörtern gesucht, bis man einsehen muss, dass auch viele Wiederholungen des vermeintlich simpelsten Ausdrucks nichts nützen. Arme, Hände, Finger fliegen durch die Luft, es wird gekichert und gelacht und gemeinsam sieht man irgendwann ein: reden wird nicht klappen. Umso mehr feiert man jeden kleinen Verständigungserfolg, den man sich zusammen erspielt.

Wie ich so mit Aycan dastehe kommen plötzlich zwei junge Männer vorbei. Franzosen, die sich freuen dass Aycan für Greenpeace unterwegs ist: „Wir sind in Frankreich aktiv bei Greenpeace!“ sagt einer. Sie sind übermütig, offenbar begeistert von Aycans Haaren und tänzeln etwas zu nah um sie herum. Aycan versteht natürlich nicht, was die beiden ihr zu sagen versuchen, der eine greift in ihr Haar und sagt sowas wie 'Keep on rolling', dann ziehen sie weiter. Aycan und ich sehen uns an und es ist klar; das war alles insgesamt etwas distanzlos, wir schütteln beide den Kopf und lachen drüber. Gemeinsam für den Moment.


Leider unscharf, ach, was solls...